Irina Tigranova: Geschichte einer Liebe

zum 70. Jubiläumstag Avet Terterians

Lilit Epremian veröffentlichte diesen Bericht Irina Tigranovas im Juli 1999 in einer Erivaner Tageszeitung.


Irina Tigranova
Irina Tigranova

Manche hielten das für eine Art Wahnsinn, manche für Egoismus. Manche für eine Laune und Müßigkeit, durch Untätigkeit erdachte Pose. Fast alle lehnten es ab, ihn zu verstehen, auch wenn es Versuche gab, seine Lebensweise nachzuleben. Diese „Nachahmer“ hielten nicht länger als einen Monat durch, und Avet Terterian lebte sein ganzes Leben auf diese Weise. In Einsamkeit. Mit Verzicht auf alles, was die in ihm geborenen Klänge verstummen lassen könnte. In einem bewußten Alleinsein. „Ich kann nicht anders leben. Überlege dir es gut“, sagte er zu Irina Tigranowa, als er sich mit 29 Jahren zum ersten Mal entschloß, gegen seine felsenfeste Überzeugung zu handeln – der Überzeugung, sein Leben lang ledig zu bleiben. Irina überlegte es sich und verpflichtete sich für immer, in seiner Nähe zu sein und ihm zu helfen, was auch eine tapfere Abschirmung gegen eifrige Anhänger nationaler Klischees einer typisch armenischen Familie voraussetzte. Musikwissenschaftlerin, Professorin am Konservatorium, Dr. der Kunstwissenschaften Irina Tigranowa-Terterian bezeichnet ihre Haltung dem großen Künstler gegenüber als ihre Hauptberufung.

Ich glaube, diejenigen, die ihre vom Himmel bestimmte Mission wirklich wahrnehmen, kennen den Weg den Avet, der sich von Kindheit an auf die Musik vorbereitet hatte, gegangen war, ohne davon abzukommen.
Ist auch die Ablehnung überwunden und seine Kunst nun anerkannt, ja sogar populär geworden, sp spricht man über den Lebensstil dieses Künstlers auch heute noch in leicht ironischer Art.
„Er hatte nichts zu tun und deshalb komponierte er“. 25 Jahre lang lebte er einsam im „Haus des Schaffens“ in Dilidjan. Dann baute er das Haus am Sewan-See und lebte dort mit einem neuen Raum- und Heimatgefühl. Jetzt verstehe ich, ein großer Künstler ist jener, der zum Alleinsein fähig ist. Häufig blieb er an Dilishaner Wintertagen ganz alleine und bekam nur eine Kaltverpflegung zum Mittag. „Die glauben, das sei einfach“, sagte er über diejenigen, die versucht hatten, dasselbe mal zu probieren, die aber stets nach ein paar Wochen wieder aufgaben. Es sind ja sehr wenige dazu fähig, so lange mit sich alleine zu bleiben, ich glaube, nur vom Gott ausgewählte Künstler können so existieren. Ich lebe jetzt mit dem Gefühl, er sei hier. Es fällt mir auch deswegen leicht, weil ich lebenslang auf ihn gewartet habe. Im Laufe von 36 Jahren unseres ehelichen Lebens haben wir nur 1975 Tage, also ungefähr 6 Jahre zusammen verbracht. Aber 36 Jahre lang hatte ich eine Antenne für seine ihn und strebte danach, nicht nur Langwellen, sondern auch das zitternde UKW-Flimmern zu empfangen.

Als man ihn einmal in Wologda interviewte und nach seiner Familie fragte, sagte er: “ Meine Familie besteht rein symbolisch. Aber alle Sinfonien habe ich durch meine Frau komponiert“. Das ist natürlich eine Überschätzung – ich habe nur versucht, ihn nicht zu stören. Manchmal gelang es mir, manchmal nicht. Aber ich habe das Warten gelernt, ohne mich zu langweilen und zu beklagen. Das Warten auf einen Anruf, ein Fax, auf Informationen durch Freunde und auf ein neues Werk, eine neue Komposition. Und jedes Mal, wenn ich mir sein neues Werk anhörte, war ich bereit, ihm weiter zu dienen. Hätte mir das Schaffen Terterians nicht so viel bedeutet, hätte ich wohl so nicht leben können… Dann, als das Werk schon als gesetzt gelten konnte, wurde er zu einem ungewöhnlich lustigen, scharfsinnigen Weltmann, der das Leben gern hatte und zu Hause besonders liebevoll war. Der Alltag berührte ihn nicht sonderlich, das Zusammenleben mit ihm war wunderbar unkompliziert. Diese Zusammensetzung von einem Künstler und einer weltläufigen Persönlichkeit wurde zu der einzig möglichen Mannespräsenz in meinem Leben.
Als Fred 1967 seine erste Oper „Der Feuerring“ komponiert hatte, interviewten ihn nach Dilishan gekommene Journalisten: „Was inspiriert Sie – Natur, Berge, blendende Sterne, die hier so nahe sind?“ -„Mich inspirieren nur Frauen“ -antwortete er, und diese Worte wurden durch Zensur weggeschnitten. Wunderbare Frauen hatte er tatsächlich sehr gern, und ich kann nicht sagen, daß es mir leicht fiel. In den ersten 10 Jahre traten mir bei jedem Anlaß – Blicke, Lächeln, Küsse – Tränen in die Augen. Er widmete mir sogar ein Poem „Weinen-Duett: Sie mit sich selbst“, mit den Worten wie:
„Keiner konnte es mal begreifen, wie weint Irina auf einmal“. Im 2. Jahrzehnt unseres Lebens habe ich mich bloß darin ergeben und im 3. lachte ich schon und wunderte mich darüber, wenn er auf schöne Frauen nicht reagierte. „Du warst widerspenstig“, sagte er oft zu mir. „Ich habe viel Zeit darin investiert, um dich kirre zu machen“. Ist wohl so. Und einmal sagte er irgendwo noch: „Ira – sie ist mein Opfer“. Auf keinen Fall. Ich war nie Opfer, es war mir ein Herzensanliegen, ihm zu dienen. Vielleicht nennt man genau das Liebe – ich weiß es nicht. Ich kann mich nicht daran erinnern, daß er nicht einmal meine Hand geküßt hätte, wenn ich aufgetischt habe. Kann man mich also für ein Opfer halten? Der Mann muß dem Dienen wert sein. Und dann ist dieses Dienen wunderbar, es erniedrigt nicht, sondern erhöht eine Frau, die dazu da ist, daß der Mann sich findet und durchsetzt. Dann wird er unheimlich stark und die Familie – glücklich. Ich glaube nicht an die Familien, in denen Frauen Selbstbehauptung schaffen. Obwohl mein persönlicher Aufstieg und meine Selbständigkeit durch meinen Mann unterstützt und gefördert wurden.

An dem Tag, an dem er nicht mehr da war, weilte ich am Moskauer Flughafen und sollte nach Jerewan fliegen. Das Flugzeug hatte Verspätung, und ich saß schon 5-6 Stunden in der Wartehalle. Ein merkwürdiger Alter aus Martuni kam ständig zu mir und fragte: „Balik dshan (arm.: Süße, Kleine), was schreibst du da?“ Und mein Leben wurde mir plötzlich absolut durchsichtig, ich empfand einen unwiderstehlichen Wunsch, das alles festzuhalten, anzuordnen. Ich riß einen Zeitschriftenumschlag aus und schrieb auf der Umschlagrückseite alles nieder, was ich eben ausdrücken wollte. Darüber, daß ich ein langes, glückliches Leben hatte, von dem ich keine Minute, keinen Augenblick anders gestalten würde. In der Nähe, genau in der Nähe von Fred und nicht mit ihm zusammen, war alles, was man, meiner Meinung nach, einmal erleben soll. In einem erfüllten, konzentrierten, erhöhten Leben. Dies wollten aber wenige verstehen. Man hat es respektiert, aber nicht begriffen. Und man hat mehrmals versucht, die Harmonie durch „freundliche“ Räte und Anrufe zu stören: „Und was wissen Sie so überhaupt von Ihrem Mann?“ „Ich weiß soviel, wieviel ich brauche“, antwortete ich ständig.

Wir waren uns zum ersten Mal begegnet, als ich noch die letzte Klasse der Tschaikowski-Musikschule besuchte, zum Klavierunterricht ins Konservatorium ging und wie jede ausgezeichnete Schülerin einen wahren Genuß durch Studium, Lehrstunden und Antworten an der Tafel empfand.
Eines Tages war ich im Konservatorium vor einer Wandzeitung stehengeblieben, las sie sorgfältig durch, was Fred auf mich aufmerksam machte, da er sich es als Zeitungsredakteur sehr schwer zu Herzen nahm, daß die Zeitung kein Echo fand. Ich hatte damals dicke Zöpfe und eine volle Schultasche, an der mein Tintenfaß in einem gehäkelten Beutel aufgehängt war. Wie er später gestand: “ Ich habe am Tintenfaß angebissen“. Zum nächsten Mal sind wir uns nach einem Jahr im Konservatorium begegnet. Er hatte mir nie seine Liebe erklärt, machte keine Heiratsanträge. Wir haben einfach verstanden, daß wir zusammen gehören, und ich habe auf einmal die Verpflichtung aufgenommen ihm zu helfen. Es war so, als ob wir ohne Worte die Abmachung getroffen haben, daß ich die alltägliche Sorgen trage und er leitet Feier und Feuerwerk. Und mit diesem Gefühl der hohen Verantwortung für sein Schaffen und seine Familie lebte er.

Zum letzten Mal habe ich Fred am 5. Dezember 1994 gesehen, als ich ihn in Moskau zum Kasansker Bahnhof begleitete. Er sollte nach Jekaterinburg fahren, wo man seine sechs Sinfonien und den vokal-sinfonischen Zyklus „Heimat“ aufführen wollte. Wir nahmen im Coupé voneinander Abschied, ich war schon beinahe wieder im Bahnhofgebäude, lief aber plötzlich das ganze Gleis durch, den Zug entlang zurück- er war im 5. Wagen – , sah seine überraschten, lächelnden Augen, und der Zug nahm ihn weg von mir mit steigender Geschwindigkeit. Wie es sich später herausgestellt hat – für immer.

Als das Sowjetimperium untergegangen, und unser gewöhnliches Leben zusammengebrochen war, fühlte sich Fred äußerst verwirrt. Das Geld existierte für ihn nur als ein Mittel zur Verwirklichung seiner kreativen Vorhabens und nur so. Er hatte zum Beispiel keine Ahnung, wie viel Brot kostet. Als ich ihm die ersten Erdbeeren im Frühling nach Dilishan brachte und ihren Preis mitteilte, fragte er, sei das viel oder wenig?
Und als es sich herausstellte, daß sein Gehalt im Konservatorium nur für einen halben Benzinkanister reichte, und er sich es nicht mehr leisten konnte, einmal pro Woche aus Sewan nach Jerewan zum Unterricht zu kommen, wußte er nicht mehr, was zu machen und dachte darüber quälend nach. Er war wahnsinnig stolz, als er uns zu Neujahr `94 aus Jekaterinburg 100 US $ zukommen lassen konnte, die er für die Leitung der Meisterklassen verdient hatte. Ein überaus neues Gefühl war das für ihn. Eine bestimmte Zeit, fast ein und ein halbes Jahr, lebten wir vom Honorar für den Quartett-Auftrag des „Kronos“. Während unseres ganzen Familienlebens hatten wir das Geld des Familienetats in erster Linie zur Umsetzung , Verwirklichung der kreativen Ideen Terterians bestimmt. Wir kauften Autos, Geräte, bauten das Haus aus…
In Deutschland, wo wir zum ersten Mal 5,5 Monate ununterbrochen zusammengelebt hatten, lächelte plötzlich die Gelegenheit, einander einfach menschlich Geschenke zu machen. Und so steckte Fred eine Menge Geld in meine Hand und bat Gija Kantscheli, mich mit dem Auto zu einer großen Kaufhalle zu fahren und darauf zu achten, daß ich da alles einkaufe, was mir da gefallen möge. Und unbedingt einen Pelzmantel. Ich hatte aber bereist so viel von der Notwendigkeit, das Geld vernünftig auszugeben verstanden, daß ich nur einen Regenmantel kaufte und Kaufhalle schon nach ein paar Minuten verließ. Als wir zurückkamen, rechtfertigte sich Gija, dem es sehr peinlich war, mit der Aussage, daß er leider mit mir nichts anfangen konnte, und Fred bedauerte die Zerstörung seiner Illusion…
Eigentlich machte mir seine so ungewöhnlich deutlich geäußerte und betonte Aufmerksamkeit mir gegenüber sogar Angst, bewies dies doch immer wieder, daß er sich nicht aufs Schaffen konzentrieren konnte. Es zog ihn nach Hause, an den Sewan-See …
Genau dort hatte er sein Heim gefunden und er hatte diesen Ort und diese Leute so gern, daß er sich zum ersten Mal ihnen gegenüber total öffnete. An dem Tage, als Terterian als ein Ehrenbürger der Stadt Gawar gefeiert wurde, war er am Ende seines Lebens endlich ohne besondere Mühe imstande, das zu machen, was man von ihm sein ganzes Leben lang so erfolglos verlangt hatte. Auf einem menschenvollen Platz sprach er zum ersten Mal in reinem Armenisch…

Als die Einladung nach Deutschland, die er dank seiner Freunde aus Jekaterinburg und dank Gija Kantscheli erhielt, wie eine Rettung kam, glaubte ich, er bleibe da, so wie Gubajdulina, Pjart geblieben waren… Als ich ihn aber nach 2 Monaten im Schloß bei Berlin besuchte, erfuhr ich, daß er schon alle für die Zeit nach dem Stipendium zu sich, nach Sewan eingeladen hatte, und es sollten mehrere Ferienhäuser reserviert werden, um Gäste unterzubringen.
Ich glaube, die Zeit wird diejenigen, die das Land zerstört und ihn dazu gezwungen hatten, Armenien zu verlassen, noch treffen, strafen. Schmerzhaft und mit Tränen in Augen nahm er Abschied von seinem Sewan-Haus: „Hier erklingen Klänge, die ich nicht mehr werde hören können“. „Ich bin mit einer neuen Sinfonie schwanger“, sagte er kurz vor der Abfahrt, „ich komme nach Deutschland und schreibe sie nieder“.
Als ich aber nach Deutschland kam, sah ich ein leeres Partiturblatt vor ihm: „Sobald ich mich zum Tisch setze, wird die Sinfonie zu Luft“. Er war davon überzeugt, ein wahrer Künstler soll in seinem Heimatland leben und sterben. In der Fremde wird es ihm nie gelungen, Gefühle und geistige Gemütshaltung seines Volkes zu übermitteln.
Dies wurde auf traurigste Weise durch sein eigenes Leben und die unvollendete Sinfonie bestätigt. Bis aufs Tiefsten verwirrte Fred die Tatsache, daß alle Bedingungen für das Schaffen in Armenien nicht mehr vorhanden waren. Ich fühlte mich verpflichtet, ihn aus dieser Haltung irgendwie hinauszuführen.

In einem deutschen Schloß, in Pracht und Naturharmonie, hatte ich eine kurze Erklärung geschrieben: „Ich, Irina Tigranowa, Tochter Georgs, Ehegattin Avet Terterians, erkläre mich bereit, mich nach der Rückkehr nach Armenien mit der Landwirtschaft in Airiwank zu befassen, damit mein Maestro, mein Liebling und Lieber, immer frisches Butter, Käse und Matsun, Brot und gebackenen Schweineschenkel hat. Den 6. September, 1994. Wiepersdorf, Deutschland“.
„Aber du beschäftigst dich doch nicht gerne mit der Erde“, wunderte er sich. „Kein Problem“.

Als man mir nach seinem Tod Freds Notizbuch ausreichte, fand ich da diese Erklärung, die er hoch und heilig behalten hatte…

übersetzt durch Rudolf Yaskorski
Bochum, den 12.04.2000