Das Beben in der Presse

Münchner Merkur, March 18, 2003: Die Faszination der Langsamkeit

Schöner noch als der begeisterte Premieren-Applaus muss in den Ohren der Mitwirkenden die sekundenlange Stille geklungen haben, in der das Publikum am Schluss verharrte: Terterjans Musik hatte Raum und Zeit erobert.

veröffentlicht mit Erlaubnis des Münchner Merkur


Neue Zürcher Zeitung, March 18,2003:

Im Sog des Raumklangs
Die organische Einheit von Sprache und Musik hat für sich schon eine suggestive Wirkung. Doch die eigentliche Sensation dieser Aufführung ist der Raumklang. Der Zuschauer fühlt sich in ihn regelrecht hineingesogen.


Süddeutsche Zeitung, March 18,2003

Die Grausamkeit der Masse Mensch,
Es sind Komponisten wie Terterjan, die der Musik ihre Zeit zurückgeben. Und mit ihr die Funktion des empfindenden Nachschwingens. Vielleicht mag jemand hier Einfachheit wahrnehmen. Einfachheit ist immer hohl, wenn sie über abrufbare Mechanismen mundgerecht bereitet wird, sie ist aber eindringlich und erschütternd, wenn sie empfunden und durchlebt ist, wenn sich die kompositorische Durchgestaltung ihr in radikaler Letztendlichkeit unterwirft. Terterjan lässt daran in geradezu peinigender Intensität keinen Zweifel.


Frankfurter Allgemeine Zeitung, March 18,2003

Es gibt ein richtiges Beben im falschen
Eine eigenartige Magie geht oft von dieser Musik aus, etwas Fernes, Fremdes, Verlorenes, Schicksalhaftes.


Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, March 30,2003, Nr. 13

Im Auge des Sturms
Die armenische Zeit, getragen von weichen Klangteppichen, vergeht langsam. Der Dirigent pflückt noch ein paar Töne aus der sterbenstrockenen Wüstenluft. Und mit einer letzten Handbewegung bringt er das Orchester zum Regnen. Endlich. Entspannung.


Die Welt, March 19,2003
Kleist in kosmischen Weiten

Der alle musikalischen Fäden souverän in Händen haltende Ekkehard Klemm ist am Ende Sieger des Abends. Seine armenische Mission ist erfüllt.


BILD München, March 17,2003

Ein Rachemord als sensationelles Klangabenteuer
München – Man muss sich schon wundern, dass sich 19 Jahre lang niemand an dieses Werk getraut hat. Gestern Abend wagte das Gärtnerplatztheater die Uraufführung der Oper „Das Beben“ des armenischen Komponisten Awet Terterjan. Das Wagnis glückte in außerordentlicher Weise.
Die Handlung ist sparsam, eine kurze Geschichte um Liebe, eine verhinderte Hinrichtung und einen Mord aus Rache und Angst. Terterjan strebte mit seiner Musik zum Ausdruck von Gefühlen und erreicht ein sensationelles Klangabenteuer.
Das zuerst etwas verunsicherte Publikum feierte das Ensemble am Schluss mit Bravo-Rufen, ganz besonders das präzise Orchester unter Dirigent Ekkehard Klemm. ra


BILD München, March 18,2003

„Das Beben“ – es bewegt das Publikum
München – Es ist alles anders an diesem Abend im Gärtnerplatztheater. Das Orchester sitzt im Parkett, die Zuschauer auf der Bühne, der Chor auf den Rängen, die Bühne steht im Zuschauerraum. Das ist die Uraufführung der Oper „Das Beben“ von Awet Terterjan. 1984 hat der armenische Komponist die Oper geschrieben, 19 ]ahre lang wagte sich kein Theater an die Aufführung. Terterjan starb 1994 ohne sie selbst gesehen zu haben.
München erlebte sie am Sonntag Abend. Endlich, muss man sagen. Dieses Werk hat es nicht verdient in Schubladen zu verschimmeln.
Text kommt wenig vor bei Terterjan. Nur das Notwendigste wird gesagt. Trotzdem dauert die Oper zweieinhalb Stunden. Zeit und Raum, die Terterjan braucht, um die Musik zu entwickeln. Der Tonfall des Orchesters verändert sich langsam, schrittweise. Die Musik drückt Gefühle aus: Angst, Begeisterung, Verzweiflung, Erleichterung, Hass, Raserei. Das alles fast ohne melodische Effekte. Der Ton ist das Eigentliche.
Es wurde ein großartiges Experiment am Gärtnerplatz. Das Publikum feierte besonders das präzise spielende Orchester unter Leitung von Ekkehard Klemm.

Von W. RANFT


AZ, March 18,2003:

Schuld sind die Außenseiter
Uraufführung im Gärtnerplatz: Awet Terterjans Oper „Das Beben“
Kontrapunkt sind das Volk und die Macht der Kirche. Terterjan braucht hier für seine Klangeffekte einen riesigen Orchesterapparat mit viel Schlagzeug, drei Chören und sieben Tonbandspuren. Mit aleatorischen Klangspielen über Orgeltönen, diffusen Vokalisen in den Chorstimmen und einem ungeheuren Reichtum an dynamischen Valeurs baut der Komponist die Volksstimmung fürs Spektakel der Hinrichtung, das Erdbeben und später für Bedürfnis von Macht und Masse, einen Schuldigen für die Naturkatastrophe zu finden – eben SIE und ER. Die Musik hat Aussagekraft, suggeriert dem Hörer das Chaos, die Katastrophe und die fragwürdige Sicherheit einer heilen Welt.


tz, March 18, 2003:

„lauter“ – gibt es noch jemanden, der dieses Wort nicht nur als Komparativ von „laut“ versteht, sondern in jenem Sinn, der mit „sauber“, „rein“, „absichtslos“ nur unzureichend beschrieben ist? Lauter also, diese Musik von Terterjan, ohne jede Effekthascherei, reich, bunt sogar, kühn in den Mitteln, aber ganz ohne Trick. Das Lebensgefühl von Armenien steht dahinter; es ist eine Sprache, die genau deshalb so stark wirkt, weil sie einen Boden hat, kein globales Allerlei ist.


Westdeutsche Allgemeine Zeitung, March 19,2003:

Vielschichtig lastend, mit ungewöhnlichem Obertonreichtum, zugleich eigenartig warm, erdhaft dunkel, übt diese Musik meditative Wirkung aus, wenn es nicht gerade zu explosiven Ausbrüchen kommt.


BR, March 17,2003

Suggestiv-mystische Klangwelt in Terterjans Uraufführung „Das Beben“
Die Musik des Armeniers erinnert in vielen Passagen an die tiefe Religiosität des estnischen Komponisten Arvo Pärt und im Wechsel zwischen den choral-lyrischen Passagen und den akzentuierten massiven Schlagrhythmen an den georgischen Komponisten Giya Kancheli.


Bayerische Staatszeitung, March 21,2003
Einsamer Monolith als effektvoller Theatercoup


Stuttgarter Zeitung, March 20,2003

Die Kraft des großen Trommelns
So wie die Oper nicht begonnen hat, so endet sie nicht, sie vermengt sich mit einem Geräusch des Lebens, dem leisen Rauschen des Regens, und wer genau hinhört, wird sie vielleicht noch jetzt klingen hören: Terterjans ferne Musik.


A review at the website of Das Opernnetz: Oper der modernen Art

Das Publikum folgt der Aufführung äußerst konzentriert und gefesselt. Die bei modernen Werken sonst übliche Abwanderung in der Pause fand nicht statt, so dass das Haus auch am Ende der Vorstellung bis auf den letzten Platz besetzt war. Lang anhaltender Beifall dankte sämtlichen Mitwirkenden.


Preview in the Süddeutschen Zeitung, March 15,2003: Masse, Macht, Musik


Preview in the AZ, March 14, 2003


Salzburger Nachrichten, 19.03.2003

Fremdartig, aber suggestiv
Das Publikum ließ sich geduldig auf das Fremdartige ein, beeindruckt von der fordernden Kühnheit, der jegliche Anbiederung meidenden Komposition und von Originalität und Qualität der Aufführung. Das Orchester war im Parkett postiert, Choristen in den Rängen verteilt, eine Tribüne auf der Bühne. Der „Raumklang“ faszinierte, ebenso die statuarische Aufbereitung durch den Regisseur Claus Guth.


Augsburger Nachrichten, Rüdiger Heinze

Wenn jede Opern-Uraufführung über zwei Drittel ihrer Distanz solch eine musikalische Suggestiv- und Sogkraft ausstrahlen würde wie „Das Beben“ des armenischen Komponisten Awet Terterjan … am Gärtnerplatz-Theater in München, dann stünde es um das gesellschaftliche Interesse an der Neuen Musik besser.


crescendo, das klassikmagazin / 3/03
Heinz-Günter Vester
Auf einen Blick / Ein knapper Rückblick auf Opernpremieren und Festivals der letzten zwei Monate

Ein Beben mittlerer Größe im Münchner Staatstheater am Gärtnerplatz. Der armenische Komponist Awet Terterjan (1929 – 1994) ist posthum mit seiner Oper Das Beben zu einem bewegenden Erfolg gekommen. Zentral ist in Terterjans Werk das Klangerlebnis, das durch ein aufwändiges Arsenal konventioneller Instrumente, seltener Schlaginstrumente und elektronischer Konserven bereitet wird. Der vielfach geteilte Chor erhöht die Raumwirkung des Theaters, während Teile des riesigen Orchesters auf dem zur Spielfläche umgestalteten Parkett platziert sind, wie auch die beiden aufopferungsvoll deklamierenden Solisten R. I. Ohlmann und W. Schwaninger. Ebenfalls im Parkett hält der Dirigent Ekkehard Klemm, der maßgeblichen Anteil an Zustandekommen und Gelingen dieser verspäteten Uraufführung hat, die musikalischen Fäden zusammen, während das Publikum von den Rängen und von einer auf der Bühne aufgebauten Tribüne aus das Geschehen verfolgt.
Da sich die Interpretation der Handlung durch Claus Guth minimalistisch auf wenige Gesten und Rituale beschränkt, besteht die eigentliche Inszenierung in einer Raumklanginstallation. Dass in eben diese das Publikum gleichsam hineingezogen wird, liegt vor allen an der Klangsprache Terterjans. Feinnervige Streicherklänge, brutale Bläserattacken, komplexe Rhythmen weben einen Klangteppich, der mal ein stabiles Fundament suggeriert und Muster erkennen lässt, dann aber wird dieser Teppich dem Hörer gleichsam unter den Füssen weggezogen, hebt ab in lichte Spiralen oder stürzt in gewaltige Tiefen hinab. Während sich das zentrale Beben zwar laut und heftig, gleichwohl nicht unvergleich eruptiv ausnimmt, ist es vielmehr das unter der Oberfläche lauernde Beben, das sich zunächst spannend ereignet, dann aber doch sich selbst, alle Beteiligten und das Publikum erschöpft.


Links:

Max Nyffeler: „Das Beben“ von Awet Terterjan in München uraufgeführt

neue musikzeitung: Im Ton die ganze Welt / Terterjans Das Beben im Gärtnerplatztheater


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