AZ: Schuld sind die Außenseiter

AZ, 18. März 2003

Schuld sind die Außenseiter

……..Von Ferne erinnert die Oper des armenischen Komponisten Terterjan an Kleists Novelle „Das Erdbeben von Chili“ – und ist doch mindestens ebenso weit davon entfernt, eine Literaturoper zu sein. Bedenken muss man sicherlich auch, dass „Das Beben“ vor fast 20 Jahren geschrieben wurde. Der optische Realisierungsgedanke und vielseitig experimentelle Kompositionstechniken spiegeln die Zeit der frühen 8oer Jahre. Der Unterschied zwischen Ost und West ist geringer, als man es heute manchmal wahrhaben möchte.

Terterjan reduziert seine Hauptdarsteller „SIE“ und „ER“ (ungemein konzentriert Ruth Ingeborg Ohlmann und Wolfgang Schwaninger) – das ungleiche Liebespaar, das in „sündiger“ Liebe ein Kind gezeugt hat – auf Stichwortgeber; sie sind von Anfang an Symbol für Gefängnis, Isolation, Außenseiter und Individualisten, die sich nicht an die Spielregeln der Masse halten. Für sie hat der Komponist reale Melodien und Gefühle.

Kontrapunkt sind das Volk und die Macht der Kirche. Terterjan braucht hier für seine Klangeffekte einen riesigen Orchesterapparat mit viel Schlagzeug, drei Chören und sieben Tonbandspuren. Mit aleatorischen Klangspielen über Orgeltönen, diffusen Vokalisen in den Chorstimmen und einem ungeheuren Reichtum an dynamischen Valeurs baut der Komponist die Volksstimmung fürs Spektakel der Hinrichtung, das Erdbeben und später für Bedürfnis von Macht und Masse, einen Schuldigen für die Naturkatastrophe zu finden – eben SIE und ER. Die Musik hat Aussagekraft, suggeriert dem Hörer das Chaos, die Katastrophe und die fragwürdige Sicherheit einer heilen Welt. …….

Marianne Reissinger