Bayerische Staatszeitung: Einsamer Monolith als effektvoller Theatercoup

Bayerische Staatszeitung:

Einsamer Monolith als effektvoller Theatercoup

Nicht nur wegen des emotionalen Gehalts einzigartig: Zur Uraufführung von Terterjans „Das Beben“

Ein Erdbeben zu bebildern, in Kunst, in Theater zu transformieren, wäre lächerlich. Ein Erdbeben zu vertonen, wäre ebenso doch nur der zum Scheitern verurteilte Versuch, mit Mitteln einer überlegten Organisation von Tönen das Chaos, den völligen Zerfall von Ordnung zum Ausdruck zu bringen. Und doch gibt es in dieser Opernaufführung ein Erdbeben, die Idee, die Vorstellung von einem Erdbeben, wie sie eindrucksvoller, bedrängender kaum sein könnte. Dieses Beben ist ein sehr langes Crescendo aller verfügbaren musikalischen Mittel – und hier sind sehr viele Mittel verfügbar. Es ist ein Insistieren auf einen Ton, auf den sich Schicht um Schicht häuft. Stets tonal organisiert, massiert sich ein vielgestaltiger Ton, bis ein einzelner Sopranschrei erklingt. Dazu verlischt flackernd das Licht im gesamten Theater, blitzt nochmals kurz auf, bis die Dunkelheit alles umfasst. Und hier, in ihrem Höhepunkt, bricht die Vernichtungsmusik ab. Ein Tonband löst sie ab. Originalaufnahmen eines Erdbebens. Man kann ein Erdbeben weder bebildern noch vertonen. Aber man kann es mit den Mitteln der Kunst emotional nahe bringen.
Das Staatstheater am Gärtnerplatz landet mit der Oper „Das Beben“ einen Theatercoup, wie er effektvoller und humaner kaum vorstellbar ist. Nicht nur, dass Münchens kleineres Opernhaus (neben dem Nationaltheater) mit ihm sämtliche Zwänge hinter sich lässt, die in einem Gründerzeitbau mit Repertoire-Betrieb nun mal herrschen.
Nein, das bejubelte Unternehmen ist in der Musiktheaterlandschaft insgesamt ein einsamer Monolith.

Egbert Tholl

Die Artikel erschienen in der Ausgabe Nr. 12/2003 vom 21.03.2003 der Bayerischen Staatszeitung.