Münchner Merkur: Die Faszination der Langsamkeit

Münchner Merkur, 18. 03.2003

<strong>Die Faszination der Langsamkeit</strong>

Imponierendes Klangerlebnis: Opern-Uraufführung „Das Beben“

Im Mittelpunkt eines großen Kreuzes liegt eine junge Frau. Erschlagen vom aufgebrachten Mob. Von Ferne zischen die Laute „i – sie“ herein, so wie am Anfang, als das Drama begann. Auch wenn Awet Terterjan am Ende einen reinigenden Regen schickt, lässt er doch musikalisch keinen Zweifel daran: Der Kreislauf der Selbstgerechtigkeit, der Rache, der Gewalt der Masse wird nicht durchbrochen werden.

Ein ideales Paar: Ruth Ingeborg Ohlmann und Wolfgang Schwaninger in „Das Beben“ am Gärtnerplatztheater.

Eine düstere Botschaft. Awet Terterjan, der 1994 verstorbene Armenier, hat sie 1984 niedergelegt, in seiner Oper „Das Beben“, die zentrale Momente aus Kleists Novelle „Das Erdbeben in Chili“ aufgreift. Jetzt gelangte sie bei der posthumen Uraufführung durch das Münchner Gärtnerplatztheater erstmals an die Öffentlichkeit. „Das Beben“ erschütterte das Haus förmlich in seinen Grundfesten und bescherte ihm einen großen Erfolg.

Claus Guth, der Regisseur, stellt das Gärtnerplatztheater in der Tat auf den Kopf und Ekkehard Klemm, den musikalischen Mentor dieser Herausforderung, ins Zentrum des Werks, das eigentlich mehr szenisches Oratorium als Oper ist. Klemm agiert inmitten des überbauten Parketts, hat Orchestermusiker und Chorsänger vor, hinter, neben und über sich. In die Mitte des Zuschauerraums rückt Bühnen- und Kostümbildner Christian Schmidt vier rechteckige, weiße Spielflächen, die im zweiten Teil zum Kreuz zusammengeschoben sind. Das von Sängern, Instrumentalisten und Statisten durchsetzte Publikum hockt auf einer Bühnentribüne und auf den Rängen und wird zur voyeuristischen Masse.

Aus ihr löst sich stellvertretend einer – der Tänzer Paul Lorenger – stülpt sich einen puppenglatt-gescheitelten Schwellkopf über und kommentiert gestisch, was die Volksseele bewegt. Das wirkt vor allem im ersten Teil allzu aufdringlich und wie eine krampfhafte Bebilderung der lastenden Langsamkeit.

Sie ist der „Motor“ der Musik, die Guth eindrucksvoll fortschreibt in den zeitlupenhaften Bewegungen der Akteure. Terterjan, der ein großes Orchester mit reichem Schlagwerk und vier riesigen Subkontrabasstrommeln verlangt, nutzt gleichwohl die Stille als wesentlichen Faktor. Die Minimalbewegungen der Streicher suggerieren Statik und breiten sich als Klangfolie fast unter das gesamte Stück. Dazu schichtet der Komponist Glockenschläge und oft nur geräuschhafte Zuspielungen vom Band, gestattet lange Zeit nur dezente Akzente und Farbtupfer von Holz und Blech. Und bindet die menschlichen Stimmen instrumental ein.

Dieses meditative Klangerlebnis fordert vom akustisch und optisch überreizten Zeitgenossen eine hohe Konzentration und die Bereitschaft, sich einzulassen. Da können die ersten 25 Minuten schon zur Zerreißprobe werden. Doch dann beginnt der Sog, fordert der Ausrufer (Michael Gann) „Enthauptung“, schlagen die Perkussionisten los. In einem großen Crescendo überlagern sich die Cluster, werden durchkreuzt von einer spöttischen, von Gelächter begleiteten Spielmannsmusik und treiben auf das wüste Chaos des Bebens zu. Eine Herausforderung für den Dirigenten, der via Monitoren seine im Raum verteilten Mitstreiter beschwört: Insgesamt imponierend, mit leichten Abstrichen in der rhythmischen Präzision.

Sie funktioniert besser im zweiten Teil, wenn das Leben wiederkehrt: Terterjan schraubt seine Musik, wie Ravel beim Bolero, mit hämmernden Rhythmen – von Maracas und skandierten „Leben, Leben“-Rufen – in einen faszinierenden Taumel. Dazu dreht sich – hier sinn- und effektvoll – der Tänzer förmlich toll, überwuchert grüne Videokunst die Spielfläche. Sie wird bei der anschließenden Messe gleichsam zum Abendmahlstisch für den umstehenden Chor. Und zuletzt zum Altar, auf dem die Menge ihr Opfer darbringt: die „Sünderin“. Unter den Augen des Prälaten (Florian Simson), der das Evangelium triumphierend hochhält.

Claus Guth findet im zweiten, zunehmend bannenden Teil starke Bilder, ohne die Langsamkeit aufzugeben. Geradezu rituell inszeniert er die Wiederbegegnung des geretteten Paares in immergleichen, sanften Fast-Berührungen. Dabei vereinen Ruth Ingeborg Ohlmann (Sie) und Wolfgang Schwaninger (Er) ihre schlanken, instrumental-klaren Stimmen zum zarten Duett – ein gesanglich wie darstellerisch ideales Paar, das sich in den kontemplativen Duktus des Werks sensibel einfühlt.

Schöner noch als der begeisterte Premieren-Applaus muss in den Ohren der Mitwirkenden die sekundenlange Stille geklungen haben, in der das Publikum am Schluss verharrte: Terterjans Musik hatte Raum und Zeit erobert.

von Gabriele Luster

Wiedergegeben mit freundlicher Genehmigung des Verlages