Stuttgarter Zeitung: Die Kraft des großen Trommelns

Stuttgarter Zeitung, 20.03.2003

Die Kraft des großen Trommelns

……. Awet Terterjans Oper „Das Beben“ nach der fast zweihundert Jahre jungen Erzählung beginnt nicht, und sie endet nicht. Ein Glockenklingen im Abstand einer Quinte schimmert aus dem Nichts auf, der Zuschauerraum im Münchner Gärtnerplatztheater ist noch erleuchtet, die Musik wird aus der Mitte der Zuschauer entstehen und wieder in sie zurückkehren
……

…. Die vier Chorgruppen haben sich unter die Zuschauer gemischt und singen aus ebenso vielen Raumhöhen, sodass der Zuschauer vom Klang um- und eingehüllt wird. Eine ingeniöse Lösung, die einzige, durch die das Gärtnerplatztheater die eigentlich seine Kapazitäten sprengenden Anforderungen des Werks verwirklichen kann. Die auf jeden Naturalismus verzichtende stilisierte Darstellung der Schlüsselszenen von „Sie“ und „Er“ (Ruth Ingeborg Ohlmann und Wolfgang Schwaninger) wird ergänzt durch eine Tänzerfigur im blauen Anzug, die einen Plastikkopf trägt, rund einen Meter hoch, starr im Ausdruck wie eine Puppe, und die Masse personifiziert (Paul Lorenger). Mit verwischten Videoprojektionen von durch Blätterwald fallendes Licht zeigt die Regie wenig und sagt alles. So wie die Oper nicht begonnen hat, so endet sie nicht, sie vermengt sich mit einem Geräusch des Lebens, dem leisen Rauschen des Regens, und wer genau hinhört, wird sie vielleicht noch jetzt klingen hören: Terterjans ferne Musik.