Süddeutsche Zeitung: Reifes Schaffen

Reifes Schaffen

Mitte März wird im Staatstheater am Gärtnerplatz die 1984 entstandene Oper „Das Beben“ des 1994 verstorbenen armenischen Komponisten Awet Terterjan erstmals aufgeführt. Die acht Symphonien Terterjans haben in den vergangenen Jahren den fast magischen Ruf der bitter radikalen Tonsprache dieses Komponisten auch in die westlichen Musikmetropolen getragen. In der Verknappung auf Einzeltöne, als Erkundung zum Kern aller Kerne entwickelt Terterjan eine Musik, die das Jahrtausende alte kulturelle Erbe der Armenier an einen Endpunkt führt und dabei die moralische Botschaft jeder Kunstmusik von innen aushöhlt und sprengt.

In einer Matinee machten Solostreicher des Orchesters im Staatstheater am Gärtnerplatz mit den zwei Streichquartetten Terterjans von 1964 und 1991 bekannt, die das reife symphonische und musikdramatische Schaffen rahmen. Die Intensität und die Hingabe an diese Texte, die jedes herkömmlich professionell-virtuose Profilieren ausschließen, stellt den Vorbereitungen ein außerordentliches Zeugnis aus.

Den Anspruch untermauerte erst recht die Mitwirkung von Hasmik Papian, die erstmals und mit höchstem Einsatz am Gärtnerplatztheater auftrat. Sie stellte Volksliedtänze von Komitas, dem Canteloup der armenischen Musik, und frühe Romanzen auf armenische und russische Texte aus Terterjans Feder vor. Hasmik Papian ist derzeit wohl weltweit als dramatische Koloratursopranistin ohne Konkurrenz; doch wie es ihr gelingt, das Entwicklungspotential Terterjans schonungslos freizusetzen, verdiente mehr als den begeisterten Applaus des gut gefüllten Parketts. Wo waren Münchens Gesangsfanatiker, die wegen Papian das Haus hätten stürmen müssen?

Theater und Mitwirkende stifteten die Einnahmen für den Wiederaufbau der beim Erdbeben 1988 zerstörten Musikschule in Gjumri. Diese Investition in die deutsch-armenischen Beziehungen ist sicher geopolitisch weise, selbstkritisch, unbestechlich und ernüchternd aufschlussreich.

Anton Sergl
SÜDDEUTSCHE ZEITUNG vom 13. Februar 2003