Welt: Kleist in kosmischen Weiten

Welt, 19. März 2003

Kleist in kosmischen Weiten

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Terterjan macht aus dem Stoff statt eine Oper eher ein szenisches Oratorium. Gemäß seinem Credo „Im Ton ist die ganze Welt“ vollzieht sich das Drama vor allem im stets hochgespannten, fiebrig-nervösen, kosmische Weite vermittelnden Orchesterpart.

Terterjan operiert über weite Strecken mit einem fragilen, sich selbst misstrauenden, an Debussy und Messiaen erinnernden Ton. Zuweilen bricht er in Ekstase aus, dämmert aber zuweilen auch nur depressiv vor sich hin. Die Crescendi sind von archaischer Wucht. Derweil das Drama in den Orchesterpart verlegt ist, wird die Handlung linear erzählt. Im Grunde konventionelle Literaturoper. Im vierten von sieben Bildern gibt es gar eine Art romantisches Liebesduett („Heilige! Geliebter!“).

Auf der Bühne ganz wenig Aktion: Die Frau wird auf die Hinrichtung vorbereitet, während der Mann mit einer Pistole hantiert. Zentrale Figur ist ein von Claus Guth kreierter, mit einer überdimensionalen Maske bestückter Spielmacher (Paul Lorenger), dessen ausgezirkelte Bewegungen an Nô-Theater und Pantomime-Kunst denken lassen. Dazu gibt es ziemlich unbestimmte Videoprojektionen (Alex Buresch, Kai Ehlers). Der alle musikalischen Fäden souverän in Händen haltende Ekkehard Klemm ist am Ende Sieger des Abends. Seine armenische Mission ist erfüllt.
Jan Schleusener
Artikel erschienen am 19. März 2003