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Avet Terterian: Der Komponist heute
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Großen Schaden richet auch das konkret-assoziative Musikhören an, das die Vieldeutigkeit des Klangereignisses, das semantische Wesen des Tones als Ausgangspunkt aller Musik zerstört bzw. nicht wahrnehmen läßt. Vor den Augen eines solchen Hörers läuft gleichsam ein Film ab: Hörend sieht er Bilder. Das kulturelle Niveau einer Persönlichkeit muß stark ausgeprägt sein, damit sie eine solche Rezeptionsweise überwinden kann. Und die Fähigkeit hierfür ergibt sich wiederum nur aus der Kenntnis der verschlüsselten Bedeutung von Musik, ihrer spezifischen Symbolik. Hier ist Erfahrung entscheidend. Das muß man selbst lernen. Das ist nicht lehrbar, auch wenn man häufig Plakate mit der Ankündigung solcher Vorträge «Wie hört man Musik» sehen kann.

Noch etwas zu den Hörern. Ihre Beschlagenheit in Sachen Musik ist zum Teil so groß, daß ich bezweifle, ob überhaupt jeder Musiker des Umgangs mit ihnen würdig ist. Das geistige Niveau solcher Hörer, ihre umfassende Bildung, die sich oft mit einer angeborenen Fähigkeit des Hörens verbindet, ist derart hoch, daß mir mancher Musiker dagegen wie jemand erscheint, der lediglich Noten kennt, das heißt der weiß, wie sie geschrieben werden und wo sie auf dem Instrument zu finden sind. Nicht mehr.

Leider sind die Begriffe «Musiker» und «Hörer» durchaus nicht immer adäquat. Mitunter habe ich den Eindruck, daß der Hörer über dem Komponisten steht, weil der Künstler zwar über schöpferische Intuition verfügt, aber die Geheimnisse der von ihm verwendeten Klangwelt nicht kennt. Dem Hörer dagegen sind sie bekannt.

Und wie viele Probleme ergeben sich noch für die musikalische Ausbildung?

Nehmen wir die Zeit als ein in der Musik waltendes Gesetz, ihre Erscheinungsformen in Vergangenheit und Gegenwart, in der europäischen Musik und in der Musik des fernen Ostens und des Orients. Wir wissen, wie sehr sich das Zeitempfinden in den östlichen Ländern von dem in Westeuropa unterscheidet. Ich betone, es geht um das Erleben der Zeit.

Warum wehren sich denn in Indien so viele gegen das Eindringen euorpäischer Einflüsse in die indische Musik? «Sie verändert die Zeit», sagen diese Inder. Das mag ein strittiges Problem sein, Aber wissen muß man darum. Bekommt man das gelehrt? Nein.

Die europäische Musik kennen wir alle gleichermaßen, sowohl ich selbst als Vertreter des Orients wie auch der Westeuropäer. Mein Glück besteht darin, daß der Orient von Geburt an tief in mir verwurzelt ist und ich dieses Erbgut sorgsam hüte. Aber beraubt sich der Europäer nicht selbst, wenn er die Musik des Orients und des fernen Ostens nicht von Kindheit an studiert? Meiner Ansicht nach ist das eine berechtigte Frage. Die Musik einiger europäischer Komponisten, die mit der Musik des Ostens nur kokettieren, wirkt doch wohl recht naiv. Für viele ist sie in ihren äußeren Merkmalen erfaßbar. Genaugenommen hat seinerzeit nur die Intonation der übermäßigen Sekunde das orientalische «Kolorit» in der Musik bewirkt, sonst nichts. Ist nur das, was tiefer geht und dem ungeübten Ohr verschlossen bleibt, erfahr- und erkennbar? Ja, das ist es.


Letzte Aktualisierung ( 23. 06. 2007 )
 
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