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Avet Terterian: Der Komponist heute
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Ein Künstler kann sich nicht wohlfühlen, wenn es auch nur einen Menschen auf dieser Erde schlecht geht. Die Seele muß ihm davon schmerzen. Ein Künstler kann nicht sein, wer nicht erfüllt ist von Verantwortungs- und Pflichtbewußtsein, von der Liebe zu seinem Heimatland. Gerade die Gesamtheit solcher Persönlichkeitsmerkmale und der Grad der Erkenntnis machen den wahrhaft großen Künstler aus. Und seine Musik wird natürlich nur dann zu einer Realität, wenn der Komponist das Gehörte mit einer besonderen Sensibilität für diese Welt in Klänge umsetzt, die in den Gesamtorganismus der Welt einfließen und zugleich ein Eigenleben auf dieser Erde führen. Künstlerisch wirken heißt dem Hörer Neues bringen, ihm etwas mitteilen, was er bis dahin noch nicht gehört hat.

Hin und wieder vermag ein Künstler, wenn er Geist und die Intuition des Talents hat, mit seiner Kunst der Zeit vorauszueilen, Kommendes anzudeuten, zu warnen, in eine bestimmte Richtung zu weisen, sich über räumliche Grenzen hinwegzusetzen. Die Geschichte der Kunst kennt solche Beispiele.

Noch einmal: Künstlerisches Schaffen bedeutet geistige Hingabe. Zugleich ist es ein einzigartiger Weg zur Selbsterkenntnis, besonders für unseren hastig durch die Zeit eilenden Zeitgenossen. Es ist ein langer Weg, der das ganze Leben beanspruchen kann, aber es ist auch ein schöner Weg.

Jedes Individuum wählt aus den nachhaltigen Lebenseindrücken für sich das aus, was seiner seelischen Verfassung besonders nahe kommt, es bestätigt sich in seinem Empfinden und seinen Erfahrungen durch bestimmte Informationen, bereichert sich durch äußere Einflüsse wie auch von innen heraus. Es prägt sich also eine Persönlichkeit aus, die die Kultur, das gesamte Potential kultureller Erfahrungen der Menschheit in sich trägt, die also Informationsträger ist. Nur einer solchen Persönlichkeit sind die Geheimnisse der Musik bekannt und auch verfügbar. Denken wir nur an die Äußerung Pawel Florenskis, daß die Kunst etwas mit Erinnerung zu tun hat. Der Mensch kann sich nicht an etwas erinnern, was in ihm nicht vorhanden ist. Kann man etwa von sich und seinen Werken meinen, zur großen Musik der Gegenwart zu gehören, wenn man nicht einmal die geisteswissenschaftlichen Leistungen unserer Zeit kennt? Ich schätze zum Beispiel die glänzende Arbeit Rudolf Steiners Das Wesen des Musikalischen und das Tonerlebnis im Menschen. Und ein Schüler Steiners, Emil Bock, führt uns in seinem überaus interessanten Kommentaren zur Bibel noch weiter, in eine übersinnliche Welt. Hier haben wir das Beispiel eines direkten Weges vor uns.

Natürlich soll das keineswegs heißen, daß man nach der Lektüre solcher und vieler anderer, nicht minder interessanter Bücher ohne weiters Zugang zur großen Musik findet und daß ein Komponist daraufhin gute Musik zu schreiben beginnt. Nein! Das muß man alles erst mit seinem ganzen Wesen nachempfinden und verstehen, bis es tief im Bewußtsein verwurzelt ist.

Nicht minder wichtig ist, sofern es sich um einen Künstler handelt (und im Mittelpunkt meiner Erörterungen steht eben doch der Künstler, der Komponist), die von ihm gewählte Lebensweise, sein ethisch-moralisches Credo. Ganz nebenbei gesagt, vermag ein Musiker, der Komponist werden wollte und es in Ermangelung einer starken Persönlichkeit und vielleicht auch hinreichenden Schaffensdranges nicht geworden ist, immerhin die Welt der Musik zu begreifen. Zumindest weiß er, wie er dieses Phänomen einzuordnen hat, woher es kommt.

Wir haben vergessen, was Musik eigentlich ist, womit sie begonnen hat. Und solange wir nicht die Polyphonie des einzelnen Tones zu erfassen vermögen, entgeht uns seine Aufgliederung in eine Vielzahl der kleinsten Klangeinheiten. Wir denken immer noch, daß ein Ton die kleinste Einheit der Musik sei. So hat man es uns beigebracht. Und dem europäischen Hörer bleibt ein tiefes Eindringen in den Einzelton mit wenigen Ausnahmen völlig verschlossen. Es fällt ihm schwer, Musik des fernen Ostens und des Orients zu hören, weil ihm die Zeichen- und Symbolsprache dieser Musik unbekannt ist, die überaus tiefe Versenkung in den Klang für ihn etwas Unerreichbares ist. Man hat es ihn nicht gelehrt. Man hat ihn nicht fähig oder empfänglich gemacht für jenen nach meiner Ansicht einzig möglichen Zustand innerer Ruhe, in der sich der Musikhörende befinden sollte. Die Nichtigkeit und Hast einer urbanisierten Lebensweise bringt viele um den höchsten Genuß. Um etwas ihnen nicht Zugängliches, also für sie nicht Existentes.


Letzte Aktualisierung ( 23. 06. 2007 )
 
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