Der Komponist heuteAvet Terterian Übersetzung aus dem Russischen: Hannelore Gerlach
Ein westeuropäischer Journalist fragte mich einmal nach meinem Verhältnis zur Mystik. Ich antwortete ihm, daß jene Mystik, die er meint, ein sehr bequemes Wort für ungebildtete Leute sei. Man kann sich leicht dahinter verstecken. Alles ihnen Unverständliche, Unzugängliche schreiben sie leichthin der Mystik zu. Das Bedürfnis zu lernen und zu Erkenntnissen zu gelangen ist bei solchen Menschen überhaupt nicht mehr vorhanden. Alles ist für sie Mystik. Dagegen kommt man nicht an. Aber nur Wissen kann doch die Tabus der Mystik aufheben. Von dem Versuch, in ihr Wesen einzudringen, gar nicht erst zu reden. Warum wehren sich denn in Indien so viele gegen das Eindringen euorpäischer Einflüsse in die indische Musik? «Sie verändert die Zeit», sagen diese Inder. Das mag ein strittiges Problem sein, Aber wissen muß man darum. Bekommt man das gelehrt? Nein. Die europäische Musik kennen wir alle gleichermaßen, sowohl ich selbst als Vertreter des Orients wie auch der Westeuropäer. Mein Glück besteht darin, daß der Orient von Geburt an tief in mir verwurzelt ist und ich dieses Erbgut sorgsam hüte. Aber beraubt sich der Europäer nicht selbst, wenn er die Musik des Orients und des fernen Ostens nicht von Kindheit an studiert? Meiner Ansicht nach ist das eine berechtigte Frage. Die Musik einiger europäischer Komponisten, die mit der Musik des Ostens nur kokettieren, wirkt doch wohl recht naiv. Für viele ist sie in ihren äußeren Merkmalen erfaßbar. Genaugenommen hat seinerzeit nur die Intonation der übermäßigen Sekunde das orientalische «Kolorit» in der Musik bewirkt, sonst nichts. Ist nur das, was tiefer geht und dem ungeübten Ohr verschlossen bleibt, erfahr- und erkennbar? Ja, das ist es. Es gibt noch sehr viele Probleme der musikalischen Ausbildung in den einzelnen Republiken, und das zuletzt genannte ist nur eines von ihnen. Auch hier hat jeder Lehrer noch eine große Aufgabe vor sich. Allerdings hat das Fehlen einer echten Bildung, das heißt des Dranges nach selbständiger Aneignung von Bildung eine Athmosphäre aufkommen lassen, die bereits äußerst intensiv auf den Ausbildungsprozeß zurückwirkt. Denn die Bildung und die gesellschaftliche Athmosphäre, in der die Ausbildung vor sich geht, stehen im engen Zusammenhang miteinander. Viele unserer Kollegen, die weder eine echte Ausbildung absolviert haben noch zum schöpferischen Wirken berufen sind, erlauben sich heute, Sinfonien, Oratorien, Oden und Kantaten zu schrieben, wobei sie oft noch auf die Zugkraft bedeutender Themen aus der revolutionären Vergangenheit oder des 1941 hereingebrochenen Krieges spekulieren. Und wie viele Opern und Ballete gibt es, in denen die Musik ihrem Wert nach einen der letzten Plätze einnimmt, irgendwo nach den Kostümen oder gar den Masken. Wer inszeniert, spielt, druckt und nimmt diese Musik in sein Programm auf? Wer schafft für solcherart Musik die entsprechende Athmosphäre? Das sind Leute mit dem gleichen Niveau wie diese Komponisten. Und hier erinnert man sich unwillkürlich jener Zeiten, in denen wenig gebildete oder gar absolut ungebildete Schreiberlinge darauf verfielen, das geistige Leben ihrer Gesellschaft zu «bedienen» und sich hierfür in allen möglichen Verbänden (wie zum Beispiel der RAPM, der Assoziation proletarischer Musiker Rußlands, u.a.) zusammenschlossen. Das war eine Periode der Zerstörung der Kunst, und gerade in dieser Zeit haben sich große Komponisten wie Prokofjew, Schostakowithsc und Chatschaturjan mühselig durchgekämpft, was sie viel physische, psychische und natürlich schöpferische Kraft kostete. Wenn man das nun für die damalige Zeit noch mit sozialen Problemen erklären kann, so ist derartiges unter heutigen Bedingungen noch geführlicher und durch nichts zu erklären. Leider bewegt sich dies alles im Kreise. Genau wie früher drängen einige Komponisten, die gerade eine elementare Konservatoriumsausbildung abgeschlossen haben, danach, Schlüsselpositionen einzunehmen. Selbst noch keine Persönlichkeiten, geistig noch unreif, haben sie in der Musik noch nichts Neues (und sei es auch nur wenig) vorgelegt, sich selbst keine neuen Aufgaben gestellt. Ohne den geringsten Versuch, sich mutig an die Lösung künstlerischer Probleme heranzuwagen, schreiben sie eine vorsichtige, ich würde sagen greisenhafte Musik. Daß nur ja nichts passiert! Man könnte sie plötzlich zu Avantgardisten erklären, und futsch ist die Karriere! Ich erlaube mir zu bemerken, daß selbst der Avantgardismus, trotz aller Einschränkungen, der Kunst mitunter mehr zu geben vermag als das Auf-der-Stelle-Treten. Denn wenn es sich um einen wirklichen Künstler handelt, so wird er sich kraft seines großen Talents und seiner Fähigkeit zu geistiger Durchdringung die von der Avantgarde gefundenen, noch wenig ausgeprägten Gestaltungsmittel zu unterwerfen wissen und sie in den Dienst seiner anspruchsvollen künstlerischen Idee stellen. Gerade die Jungen sollten doch die Grenzen der Kunst «sprengen». Ohne «Explosionen», ohne künstlerischen Wagemut gibt es keine Vorwärtsentwicklung. Aber diese Jungen, von denen hier die Rede ist, haben ein bewährt durchschnittliches Niveau, und an ihm halten sie beharrlich fest. Das ganze Unglück besteht darin, daß ihre Musik für den weniger aufmerksamen Hörer einen gewissen Standard neuer Musik durchaus gerecht zu werden scheint. Alles hat den Anschein allgemein üblicher Musik mit sämtlichen Merkmalen von Seriosität. Nur ein Geheimnis gibt es hier nicht. Keine geistig gehaltvolle Musik. Eine Musik ohne Adressat - so würde ich sie nennen. Handwerkelei. Am Konservatorium vermitteltes Handwerk. Unbildung bedarf nicht der Selbstbestätigung durch Musik. Sie geht andere Wege, Umwege. Sie schafft eine Athmosphäre der Geistlosigkeit. Und ein Konservatorium vermag hier wenig auszurichten. Ein Konservatorium hat andere Aufgaben. Solche Begriffe wie Reinheit und Einheit des Stils, wie Architektur, also genaue Ausformung des Musikwerkes, sind völlig vergessen, Man kann eine Sinfonie jederzeit «Eklektische Sinfonie», eine Sonate «Fragmentarische Sonate» nennen usw., man kann auch die «künstlerische» Aufgabe eines Werkes hochstilisieren, indem man es als «mehrfach kulminierend», «primitv konzipiert», «antimusilaisch aufgebaut - also mit einem Anflug von schlechtem Geschmack» bezeichnet und den Kritikern in dankbarer Ergebenheit dafür die Hände drückt, daß sie all dies auch bemerkt haben. «Vielen Dank, genau das war auch die Absicht», sagen diese «Komponisten». Und noch etwas. Das Werk ähnelt Bartók? Also ist es auch Bartók gewidmet. Er klingt nach Schostakowitsch? Also ist es Schostakowitsch gewidmet usw. Wie bequem ist es, einem Menschen dessen eigenen Hut zu schenken. Aber es kommt auch vor, daß die Kopie einen breiten Hörerkreis früher als das Original erreicht. Dann fehlt selbstverständlich die Widmung. Wie viele talentierte Menschen gibt es, die auch (!) zu komponieren vermögen. Sie haben sich selbst zu Komponisten erklrät und freuen sich nun ihres Daseins oder fristen es nur. Ihnen fehlt das Wichtigste: die Fähigkeit zu kompositorischem Denken. Komponist sein heißt ein spezifisches Talent zu besitzen, über hochempfindliche «Sensoren» zu verfügen. Aber diese Leute können vielleicht hervorragende Interpreten sein! Und wie viele talentierte Musiker können sich als Arrangeur betätigen! Und wie viele dieser mittelmäßigen Komponisten können die Besucher von Restaurants und Cafés oder von bunten Veranstaltungen erfreuen. Aber sie alle sind der verhängnisvollen Auffassung vom «Prestigeberuf» erlegen und schreiben «Sinfonien». Das ist ihr Unglück. Und ich meine, nicht nur ihres. Wenn jemand Musik schreibt, dann gebt ihm auch zu essen! Überall die gleiche Unverfrorenheit. Die Studenten sehen das aber, sie sehen alles und stellen fest: Aha, so geht's auch... Gegenwärtig ist sogar das Mittelmaß schon bis zur untersten Grenze herabgesunken. Wir müssen Alarm schlagen, und wir schlagen ihn. Davon zeugt unser kürzlich durchgeführtes Plenum. Der unzureichend ausgebildeten grauen Mitte keinen Raum mehr geben - das ist unsere Aufgabe! Aber wie schwer sich das umsetzen läßt, zeigt die Praxis im georgischen Komponistenverband. Gerade die Mittelmäßen predigen und behaupten den Gedanken, daß es unmöglich sei, die Grenzen genau festzulegen und ein Talent vom Mittelmaß zu unterscheiden. Wer will behaupten, daß der eine besser sei als der andere, fragen sie. Gerade so, als wären alle gleich. Gleichmacherei kommt ihnen sehr zustatten. Mittelmaß neigt zur Vereinigung. Wenig gebildete Musiker mit minimalen Vorstellungen von Musik haben sich auch in der mittleren Ebene des Staats- und Parteiapparates sowie in der Leitung der Verbandsorganisationen festgesetzt. Sie haben einander innerhalb der einzelnen Republiken wie auch des Landes insgesamt gesucht und gefunden. «Unsere» tun sich mit «Euren» auf der mittleren Verbandsebene wie auf administrativer Ebene zusammen, entscheiden über wichtige Fragen und unterminieren auf diese Weise gleichsam von innen her die Säulen der großen Musik. Daher auch die bisweilen unbedarft zusammengestellten Programme zu Plenen, Festivals und Kongreßen, Programme, die unsere Musik in Mißkredit bringen. Diese Leute schaffen eine Athmosphäre, die sich unweigerlich auch auf den Bildungsprozeß auswirken muß. Sie erziehen den Geschmack, versuchen ihn in eine bestimmte, vor allem ihnen genehme Richtung zu lenken. Größere Bedeutung muß auch der Kritik beigemessen werden. Gerade die Musikwissenschaft stellt für das Mittelmaß eine besondere Gefahr dar (daher auch der ständige Haß ihr gegenüber). Kennen doch Musikwissenschaftler - bei aller Begrenztheit der Ausbildung am Konservatorium - auf Grund der Spezifik ihres Berufes (sie müssen zumindest viel Fachliteratur lesen) sehr viel mehr Komponisten. Auch hier dienen selbstverständlich mittelmäßige Musikologen mittelmäßigen Komponisten, aber ein ehrlicher, gebildeter Musikwissenschaftler, der sich nicht in den Dienst der Konjunktur stellt und die Vorgänge zu durchschauen vermag, bringt die Karten der Pseudokomponisten ordentlich durcheinander (im positiven Sinne des Wortes): Er nennt die Dinge bei ihrem Namen, zeigt Geistlosigkeit auf, wo Geistlosigkeit vorliegt.
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| Letzte Aktualisierung ( 23. 06. 2007 ) |