Michail Kokschajew: Die armenische Musik heute. Eine Zustandsbeschreibung

Armenische Musik heute

Der nachstehende Artikel wurde zuerst in dem Magazin  Deutsch-Armenische Korrespondenz, dem Magazin der Deutsch-Armenischen Gesellschaft, veröffentlicht.
Wir bedanken uns für die Abdruck-Erlaubnis.

Der nachstehende Text wurde als Vortrag auf dem Seminar „In Crisis? The Armenian Society today„, organisiert von der Deutsch-Armenischen Gesellschaft,  in  München am  15.  Juni  2002 gehalten.

Der Autor, Michail Kokschajew, ist Professor der Musik-Theorie und Komposition am Staatlichen Konservatorium „Komitas“ in Eriwan.


Die armenische Musik heute.
Eine Zustandsbeschreibung

Armenien, das sich an der Grenze von Orient und Okzident befindet, ist unvermeidlicherweise zur Verbindungsachse zweier ihrem Wesen nach unterschiedlicher Kulturen geworden. In diesem Kontext kommt der armenischen Kunst eine besondere Bedeutung zu, denn ihr sind die Betrachtungsweise der orientalischen Ästhetik und der strenge Aufbau in den Schöpfungen der westlichen Zivilisation, bei der die Gesetzmäßigkeiten der auf Ursache und Folge basierenden Logik eine vorrangige Bedeutung haben, gleichermaßen vertraut.

Trotzdem muss man die Kulturen des Ostens und des Westens nicht als insgesamt gegensätzlich betrachten, denn beide haben gemeinsame ethische Werte. Die Sinngebung für das Gute und das Böse, das Schöne und das Hässliche, das Lyrische und das Epische ist überall auf der Welt gleich. Lediglich die künstlerischen Werte werden unterschiedlich begriffen. Die Kunst des Orients ist subjektiv, abstrakt, hedonistisch orientiert, nimmt die Welt so an wie sie ist; sie ist nicht bestrebt, die Welt zu verbessern.

Die ästhetischen Werte Europas sind ihrem Wesen nach rational, sie haben nicht nur jedes einzelne Individuum im Blickfeld, sondern die ganze Gesellschaft. Die europäische Kunst ist schöpferisch und gnostisch zugleich. Sie strebt nicht nur die künstlerische Harmonie an, sie schafft darüber hinaus jenen Raum, in dem sie existiert.

Die Europäer haben sich oft für die Kunst des Orients interessiert. Seit uralten Zeiten waren die Melodien des Ostens im Zentrum des Interesses der westlichen Musiker, die sich bemühten, sich die Methodik der ihnen fremden musikalischen Formen der östlichen Kultur und die Intonation der emotionalen Expressivität anzueignen. Der Osten interessierte sich in weit geringerem Maße für die künstlerischen Werte des Westens und schützte so sein abstraktes Wesen vor der Dynamik, die von den stürmischen westeuropäischen Prozessen ausging.

Armenien, das sich auf der Grenzlinie zweier Kulturen befindet, konnte sich unmöglich den Eigentümlichkeiten dieser beiden Musiktraditionen entziehen. Einerseits bereicherte sich seine Musik mit der Idiomatik der orientalischen Musik, so auch mit den Besonderheiten der meditativen Improvisationen. Andererseits eignete es sich als das erste Land, das das Christentum zur Staatsreligion erklärt hatte, die Prinzipien der christlichen Morallehre an, die die Ausformung der Grundlagen der nationalen musikalischen Ethik vorteilhaft beeinflussten.

Aus diesem Grund flossen gerade in der armenischen Musik die wesentlichen Elemente der östlichen und der westlichen Kunst zusammen und wurden eins. Als Folge dieses Prozesses formierte sich ein System von charakteristischen ästhetischen Prinzipien. Diese kamen besonders im 20. Jahrhundert in der Komponistenschule Armeniens zum Vorschein.

Dank den Errungenschaften von Komitas und anderen angesehenen armenischen Komponisten wurden zu Beginn des 20. Jahrhunderts die Grundlagen der musikalischen Infrastruktur gelegt. So wurden innerhalb eines Jahrzehnts das Konservatorium (1923), die Oper (1933), die Philharmonie (1934), das Sinfonieorchester (1924) und der ACappellaChor (1935) gegründet, der Komponistenverband wurde 1932 aus der Taufe gehoben. Im Vergleich zur Jahrhunderte langen tragischen Geschichte des Landes geschah dies alles innerhalb eines Augenblicks und zeugte vom dramatisch wachsenden Bedarf der Gesellschaft nach qualitativ hochwertiger Musik.

Bereits damals gab es in Armenien professionelle Instrumentalisten, Sänger, Dirigenten, Musikwissenschaftler und Komponisten, die in der Lage waren, die Infrastruktur der bereits genannten Institutionen zu bilden. Die Hilfe Russlands bei dieser Entwicklung muss erwähnt werden, zu dem Armenien Jahrhunderte alte kulturelle und politische Beziehungen unterhält. Zahlreiche armenische Musiker haben sich in russischen Einrichtungen weitergebildet.

Im heutigen Armenien nähert man sich kritisch dem kommunistischen System, sehr wohl bekannt sind die Geschehnisse in den dunklen Phasen der Sowjetunion, deren Teil Armenien über sieben Jahrzehnte lang war. Aber man sollte darüber nicht vergessen, dass Russland Armenien, das bedeutende Teile seines geistigen Erbes während des Genozids von 1915 verloren hatte, bei der Wiedergeburt und Entwicklung seiner Kultur geholfen hat.

In den 1920ern und 1930ern erlebten die sinfonische Musik und die Oper einen Aufschwung. Zu den Erfolgen jener Zeit zählen Romanos Melikyans Vokalkompositionen „Smrucht“ und „SarVar“ (1920, 1922), Alexander Spendiaryans Suite für Sinfonieorchester „Jerewaner Etüden“ aus dem Jahre 1925 und die Oper „Almast“ aus dem Jahre 1928, Haro Stepanyans Opern „Katsch Nasar“ (1934) und „Davit von Sassun“ (1936) und vieles andere mehr. Aber internationale Anerkennung erlangte die armenische Musikkunst durch die Werke Aram Chatschaturians, darunter die „Erste Sinfonie“ (1934), das Klavierkonzert (1936) und insbesondere das Violinkonzert (1940), das auch nach internationalen Maßstäben als Meisterwerk angesehen wird und Teil des Repertoires bedeutender Violinvirtuosen ist.

Die Werke, die in den folgenden zwei Jahrzehnten, also in den 1940ern und 1950ern entstanden, hängen zu einem Gutteil mit dem Zweiten Weltkrieg zusammen. Jene Periode zählt bei vielen Völkern der Welt zu den schwierigsten ihrer Geschichte, und so nimmt es nicht Wunder, dass die damals komponierten Stücke die Vaterlandsliebe und die Helden jener Zeit thematisieren. Zu den besonders beeindruckenden Stücken zählen Grigor Jeghiasaryans sinfonisches Poem „Hayastan“ (1942), Aram Chatschaturians „Zweite Sinfonie“ (1943), Arno Babadschanians „Heroische Ballade“ (1950) und vieles andere mehr.

Ich möchte darauf hinweisen, dass die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts für die armenischen Komponisten eine Zeit war, in der die „technische Lücke“ in Bezug auf die musikalischen Errungenschaften Europas auf den Feldern der Kontrapunktik, der Harmonik, der Bearbeitung und der Gestaltung geschlossen wurde. Es war eine Periode, in der die kompositorischen Ausdrucksmittel ungemein bereichert wurden. Die Mängel waren, betrachtet man die historischen Entwicklungsbedingungen der professionellen armenischen Musik, so augenfällig wie natürlich.

Damals hatten die modernistischen Richtungen der Musik im Westen und in Russland Fuß gefasst. In Österreich und in Deutschland wurde die Ästhetik der neuen Wiener Schule ausformuliert, Frankreich hatte der Welt den musikalischen Impressionismus, die Musik von Satie und seiner Nachfolger, die urbanistische Musik der Gruppe der Sechs geschenkt. Messiaen hatte bereits seine „TurangalilaSinfonie“ komponiert, und Russland hatte die Welt mit Strawinskis Exzentrik, Prokofievs feinem Lyrizismus und Schostakowitschs Gedankentiefe in Erstaunen versetzt. Diese Namen sind Ergebnis der langen und produktiven Entwicklung in den mächtigen und autarken Regionen unserer Welt, wo selbst unter den Bedingungen des Krieges noch die finanziellen wie geistigen Ressourcen für neue künstlerische Horizonte vorhanden sind.

Im Falle Armeniens, das die nicht enden wollenden, Jahrhunderte langen tragischen Kämpfe wie durch ein Wunder überlebt hatte, war es nur folgerichtig, dass es in gewissem Umfang die internationale musikalische Entwicklung nicht mitgemacht hatte. Seine professionelle Musik, die über lange Zeiten hinweg in Kirchen angesiedelt war, hatte das für die Integration in die internationale Entwicklung notwendige schöpferische und technologische Potenzial kumuliert, so dass die Aneignung der bereits entwickelten ästhetischen und musiktechnischen Normen der westlichen Musikkunst nur 40 Jahre in Anspruch nahm.

Diese Periode des armenischen Klassizismus ist außergewöhnlich, denn in dieser Zeit wurden die bereits vorhandenen musikalischen Formen des Westens nicht so sehr kopiert, sondern vielmehr ergänzt, in andere Form gegossen und neu interpretiert im Lichte der monodischen armenischen Kultur und ihrer besonders entwickelten Erscheinungsformen, die da sind Literatur, Theater, bildende Kunst und Architektur.

Aus diesem Grunde konnte die traditionelle Technik der Aneignung die Originalität der besten Erzeugnisse der nationalen musikalischen Kunst nicht beeinträchtigen. Im Gegenteil: Sie förderte sogar musikalische Ausdrucksformen, die durch ihre unerhörte Färbung, Intonation und Harmonik selbst dem erfahrenen europäischen Zuhörer ungewöhnliche Momente bescheren konnten. Die Erfahrungen, die in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts gesammelt wurden, bildeten die Basis, auf der der nationale Modernismus der zweiten Welle der armenischen Komponisten fußte, ein Modernismus übrigens, dessen musikalischtechnischen Möglichkeiten sich in nichts von den europäischen unterschieden.

So konnte die armenische Musik in den 1950er Jahren neue kompositorische und ästhetische Erfolge für sich buchen, für die unter der Führung von Aram Chatschaturian Namen wie Eduard Mirzoyan, Ghasaros Sarian, Alexander Harutyunyan, Dschiwan TerTadewosian, Adam Chudoyan, Edgar Howhannesian und Alexander Adschemian verantwortlich zeichneten. Und tatsächlich bildeten sie die Quelle der neuen armenischen Musik, der die ersten Beispiele der avantgardistischen Musik entstammten. Die bereits geformte nationale musikalische „Farbpalette“ und die spezifische künstlerische Freisinnigkeit führten zu einer absoluten symbiotischen Harmonie von Idee und technischer Ausgestaltung.

Ich tendiere dazu, Eduard Mirzoyans Sinfonie für Streicher und Pauken für den Anfang der modernistischen Phase der musikalischen Kunst Armeniens zu halten. Sie bildete den Ausgangspunkt für einen weiteren Entwicklungsschub, bei dem Originalität, Autarkie und Freiheit von äußeren Einflüssen zum Kanon der Überzeugungen gehörten.

In Alexander Harutyunyans Schaffen offenbarten sich die Merkmale des armenischen musikalischen Klassizismus. Die beabsichtigte Traditionalität ist angereichert mit glühender nationaler Melodik, die von ihm benutzte Vielfalt der Genres, darunter Kammermusik für Instrumente wie für Stimmen, Sinfonien und Opern fallen durch ausgeprägte konzertante Eigenschaften auf, sie sind brillant und diesseitig. Aus seiner Feder stammen einige Meisterwerke, so die Oper „SajatNowa“, das Konzert für Trompete und Orchester, das Violinkonzert; sie alle sind sehr bekannt und werden weltweit aufgeführt.

Ghasaros Sarjans Violinkonzert, seine Sinfonie und die Sinfonische Dichtung „Hayastan“ fallen durch ihren hohen künstlerischen Wert und besonders durch ihre orchestrale Färbung auf, die die Besonderheiten der nationalen Sinfonik unterstreichen. Viele seiner Neuerungen bei der orchestralen Färbung sind später von Vertretern der nächsten Welle des Modernismus als künstlerische Idee benutzt worden.

Das großartige Talent Arno Babadschanjans offenbarte sich sowohl bei seinen Kompositionen als auch bei seinen Auftritten als brillanter Klaviervirtuose. Von ihm stammen eine Reihe von bedeutenden kammermusikalischen wie orchestralen Werken. Zu seinen beeindruckendsten Werken zählen die „Heroische Ballade“ für Klavier und Orchester, das Cellokonzert, das Klaviertrio, die Sonate für Violine und Klavier, der Klavierzyklus „Sechs Bilder“, in dem serielle Techniken sowie Intonationen der armenischen Vokalmusik auf anmutige Weise zueinander finden.

Groß ist das Verdienst Edgar Howhannisians. Die Oper „Reise nach Erzerum“ (1987), die Ballettoper „David von Sassun“ (1976), seine sechs wunderbaren Ballette, darunter „Der ewige Abgott“ (1965), „Anduni“ (1965), „Der Maskenball“ (nach der Musik von Aram Chatschaturian, (1982), drei große Sinfonien (1959, 1982, 1983), das Klavierquintett (1955) darin besteht sein Verdienst für die nationale Musik.

Parallel zur neuen Musikschule Armeniens entwickelte sich Aram Chatschaturian, dessen Erfolge Weltmaßstab erreicht hatten. 1956 wurde sein Ballett „Spartakus“ aufgeführt, das später auf allen bedeutenden Bühnen der Welt gespielt wurde. Zuvor hatte sein Ballett „Gajane“ (1942) Weltgeltung erlangt.

In den 1960ern begann die zweite Welle der armenischen musikalischen Moderne, deren bedeutendster Vertreter Awet Terterian ist. Seine Werke sind mehrheitlich monumental. Darunter befinden sich die Opern „Der Feuerring“ und „Das Beben“ (1967 und 1984), das Ballett „Der Monolog von Richard III.“ (1979) und acht Sinfonien.

In Terterians Sinfonien fließen unterschiedliche Techniken der Avantgarde zusammen, so tauchen z.B. neben Aleatorik, Sonoristik und Minimalismus auch Grundlagen der Monodik auf. Die Erneuerungen in seiner dritten und fünften Sinfonie sind auf die Verwendung von Volksmusikinstrumenten wie Duduk und Surna, beides Blasinstrumente, sowie des Streichinstruments Kamantscha zurückzuführen. Awet Terterians charakteristische orchestrale Denkweise ist einmalig, während seine Sinfonien glänzende Beispiele für die Überwindung der fest gefügten Normen der Gattung Sinfonie sind.

Die jüngeren Repräsentanten der armenischen musikalischen Avantgarde bilden eine eigenständige Gruppe. Zu ihren herausragenden Vertretern zählt Tigran Mansuryan, dieser feine, tiefsinnige und poetische Künstler, der Meister der Kleinformen in der armenischen Musik. Martun Israelyan gehört ebenfalls zu den Vertretern dieser Richtung. Er ist Autor wunderbarer Instrumentalkonzerte und Kammermusik. In seinen Werken greift er auf verschiedene Techniken zurück, darunter auch auf Polystilistik.

Möglicherweise kann man die Arbeiten Aschot Sohrabians als besonders ungewöhnlich bezeichnen. Er ist ein Minimalist reinsten Wassers und hat eine ungewöhnliche pointillistische Technik der Intonation entwickelt, die einerseits in der Konkretheit des Klangs und andererseits in der mittelbaren perzeptualen „Spiegelwelt“ Gestalt annimmt. Zu den bereits genannten Namen muss eine Komponistengruppe hinzugenommen werden: Eduard Hayrapetian, Lewon Tschauschyan, Emin Aristakesyan, Aram Satyan, Ruben Sargsyan, Wahram Babayan, Sergej Aghadschanyan, Lewon Astwatsatryan und viele andere mehr, die unterschiedliche kompositorische Techniken und ästhetische Ansätze benutzen.

In der zeitgenössischen armenischen Wirklichkeit werden alle auf der Welt bekannten Stilrichtungen, von der etablierten seriellen Musik bis hin zur Aleatorik, benutzt und an die nationalen Charakteristika angepasst. In bestimmten Fällen werden kompositorische Lösungen eingesetzt, die auf der Welt ihresgleichen suchen. So zum Beispiel die Paarung von Aleatorik und Monodik, die Benutzung von nicht traditionellen Volksmusikinstrumenten in klassischen und sinfonischen Partituren, meditative Improvisationen, die Benutzung von mikro und makroheterophonen Techniken. Diese kommen in der internationalen Praxis entweder überhaupt nicht vor, oder sie unterscheiden sich streng sowohl in der Methodik der technischen Aufführung als auch im Stellenwert ihres Sinns.

Die genannten Beispiele belegen, dass in Armenien nicht nur eine hoch stehende musikalische Kultur, sondern daneben unterschiedliche musiktheoretische Systeme existieren, die für die armenische Musikästhetik bezeichnend sind. Gleichzeitig gehen die Errungenschaften der armenischen Musikkultur über die Grenzen des nationalen Interesses hinaus, sie bilden sogar einen Teil der internationalen Musikkultur. Wenn wir uns daran erinnern, dass in unserer Musik westliche und östliche Tendenzen sich paaren, so wird klar, welche unschätzbare Bedeutung unserer Komponistenschule zukommt. Daneben gibt es einen weiteren Umstand: Die genannten Errungenschaften wären nie realisiert worden, wenn es nicht Interpreten von Rang gegeben hätte. Wir sind reich an ihnen, sowohl bei uns im Lande als auch im Ausland.

Wir haben bei uns im Lande einige Sinfonieorchester (darunter ein philharmonisches), zwei Streichquartette (das nach Komitas benannte gibt es seit 1924, das nach Aram Chatschaturian benannte seit 1982), ein Opernensemble, einen staatlichen AcappellaChor (dem der weltbekannte Dirigent Hovhannes Tschekidschian vorsteht) Kammerorchester (staatliche wie kommunale), eine Reihe von Instrumentalensembles und zahlreiche Solisten. Daneben gibt es auch Jazz sowie weitere hoch stehende musikalische Formationen, darunter das Estradenorchester des armenischen Rundfunks unter der Leitung von Jerwand Jersngyan und Martin Wardasaryan. Hier sollte erwähnt werden, dass es Estraden und Jazzensembles in Armenien erst seit 1938 gibt. In jenem Jahr gründete Artemi Aywasyan das erste Jazzorchester.

Es ist wichtig zu wissen, dass parallel zur Gründung von Ensembles europäischen Typus‘ auch andere Formationen entstanden, die die unterschiedlichen Zweige der Volksmusik repräsentierten, so zum Beispiel das nach Tatul Altunyan benannte staatliche armenische Tanzensemble für Gesang und Tanz, geleitet von E. Manukyan, W. Chanamiryan und S. Tschantschuryan.

Beachtung verdient auch die armenische Musikwissenschaft, die von den drei Lehrstühlen für Folklorekunde, Musikgeschichte und Musiktheorie am KomitasKonservatorium sowie den am Institut für Musikwissenschaft der Armenischen Akademie der Wissenschaften betriebenen Forschungen profitiert.

Nach unserer Überzeugung kann man sagen, dass im ausgehenden 20. Jahrhundert die Infrastruktur der armenischen Musik voll entwickelt vorlag. Sie kann als Ausgangspunkt für die weitere Entwicklung der Musikkunst dienen. Leider müssen wir feststellen, dass es Entwicklungen gibt, die den Fortschritt der Musikkultur behindern. Die überpolitisierte Atmosphäre Armeniens ist alles andere als angenehm, und als Folge der Ausbreitung von chaotischen liberalen Beziehungen in der Gesellschaft kommen einige Widersprüche zum Vorschein, die die schöpferischen Intellektuellen unmöglich bewältigen können. An erster Stelle dabei steht möglicherweise das über alle Maßen niedrige Einkommensniveau der Musiker.

Die Möglichkeiten des Staates reichen nicht aus, um die hohe Kunst materiell abzusichern. Das Mäzenatentum hingegen, mit dem vor allem die Vertreter der armenischen Diasporagemeinden sich beschäftigen, geht wählerisch vor, so dass die Verteilung der Mittel unter den Vertretern der Musikkultur nicht immer vernünftig erfolgt. Oft genug kommt es vor, dass Mäzene ihr Interesse nicht unbedingt auf die Tätigkeit begabter Künstler richten, so dass diese entweder auswandern müssen oder am musikalischen Leben nicht mehr teilnehmen und somit für die Musik verloren sind. Darunter hat ganz besonders die jüngere Komponistengeneration gelitten, die mehrheitlich dem Land den Rücken gekehrt hat bzw. alles unternimmt, um das Land verlassen zu können.

Das zweite große Problem besteht darin, dass namhafte und unersetzliche Säulen der armenischen Musikkultur verstorben sind. Im Laufe der Zeit könnte es zu einer Unterbrechung der Generationenabfolge kommen, wodurch die nationale Musik vor dem Nichts stünde. Dieselbe Gefahr droht auch anderen Zweigen der Kultur. Die Dynamik der vorangegangenen Jahrzehnte ist womöglich in der Lage, dieses Problem zu lösen. Jedenfalls müssen unverzüglich Maßnahmen zur Hebung des Lebensstandards und zur Unterbindung der Emigration ergriffen werden. Andernfalls könnten wir unsere Jahrtausende alte nationale Kultur verlieren, die sich über die Jahrhunderte Stufe um Stufe entwickelt hat, sogar in den dunkelsten Phasen unserer Geschichte.

Zu den Problemen der zeitgenössischen Musik und nicht nur der Musik zählt auch der dramatische Prozess der Des bzw. Neuorientierung in weiten Teilen der armenischen Gesellschaft, mit anderen Worten die Entfernung von den Werten des Kommunismus und die Übernahme der geistigen und materiellen Werte des Westens. Nachdem es unbestreitbare soziopolitische und andere Erschütterungen erfahren musste, hat das armenische Volk bald Wege zur Neuformierung des öffentlichen Bewusstseins gefunden. Die Armenier zeichneten sich von jeher durch zwei wichtige Merkmale aus: zum einen durch die Fähigkeit, sich an neue Lebensbedingungen anzupassen, und zum anderen durch eine ausgeprägte angeborene Freisinnigkeit. Die letztgenannte Eigenschaft führte in den Jahren des Personenkults, also in der StalinZeit, zum Tod von hunderttausenden von Armeniern.

Durch die recht großen armenischen Diasporagemeinden in einer Vielzahl von Ländern verfügte die armenische Öffentlichkeit über Möglichkeiten, um bei den internationalen Entwicklungen auf dem Laufenden zu bleiben. Deshalb waren Armenier in der postsowjetischen Periode vom sich entwickelnden Informationsfluss nicht so sehr ausgeschlossen wie andere Völker aus demselben geographischen Raum. Dennoch galt es, der hereinbrechenden Informationsflut Herr zu werden. Die Computerisierung, die neue Techniken hervorbrachte, half bei der Lösung dieses Problems. So sind die digitalen Aufnahmetechniken bei uns recht gut entwickelt. Die Technik der elektronischen Montage erlaubt auf dem Gebiet der Musik komplizierte Manipulationen. Die letztgenannte Technik wurde in Armenien bei der Schaffung von neuen musikalischen Werken verwendet. Wir gehen davon aus, dass diese Technik noch mehr Verwendung finden wird.

CDAufnahmen sind bei uns mittlerweile in guter Qualität möglich, so dass sehr viele im Ausland lebende Musiker ihre Aufnahmen in Armenien machen; dies ist auch in finanzieller Hinsicht sehr viel günstiger als im Westen.

In den letzten Jahren erlebte die Publikationstätigkeit einen Aufschwung. Dank der Initiative des armenischen Komponistenverbandes wurde der Musikverlag „Ardschesch“ gegründet, der bereits eine Anzahl von Klavierauszügen und Gesamtpartituren, daneben auch Bücher zum Thema Kunst, publiziert hat. Verschiedene andere Verlage haben Monographien über namhafte Musikinterpreten und Komponisten der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts herausgebracht. Dank den Bemühungen von Armen Smbatyan, er ist Komponist und war Rektor des nach Komitas benannten Konservatoriums (er wurde vor kurzem zum Botschafter der Republik Armenien in Russland ernannt), und der Musikwissenschaftlerin Gohar Schaghoyan erscheint die wissenschaftliche Monatsschrift „Musikalisches Armenien“. Schaut man sich die Hefte der letzten Zeit an, so wird man dort wissenschaftliche Beiträge zu aktuellen wie historischen Themen in verschiedenen Sprachen finden.

Mehrheitlich beruhen diese Entwicklungen auf der Begeisterungsfähigkeit von wenigen Individuen, die für ihren Einsatz nicht entlohnt werden. Wenn wir bedenken, wie viel Energie und Begabung eine solche Arbeit beansprucht, können wir abschätzen, um wie viel produktiver sie unter normalen Bedingungen wäre. Es muss unbedingt erwähnt werden, dass in den letzten Jahrzehnten kompositorische Arbeit im Allgemeinen überhaupt nicht entlohnt wird, während Musiker außerordentlich schlecht bezahlt werden.

Aus dem oben Gesagten folgt, dass die Entwicklung der nationalen Musikkultur auf der Arbeit von singulären Persönlichkeiten beruht. Die Frage ist aber, wie lange können solche Menschen weiter machen? Eine Vorhersage scheint schwierig.

In meinem knappen Überblick über die Geschichte der armenischen Musik habe ich eine Reihe wichtiger Entwicklungen und Personen außer Acht gelassen, obwohl sie bei der Formierung und Entwicklung der Kompositionskunst, Musikinterpretation und Musikwissenschaften eine große Rolle gespielt haben. Mir ging es vor allem darum, Entwicklungslinien innerhalb der armenischen Musikkultur sowie im gegenwärtigen und möglichen zukünftigen Zustand der armenischen Musik aufzuzeigen.

Aus dem bisher Gesagten kann man folgern, dass Armenien einerseits über eine entwickelte musikalische Infrastruktur verfügt, andererseits jedoch ernsthafte Gründe für eine pessimistische Zukunftssicht hat. Meiner Meinung nach können Armenien und seine Musikkunst bei erfolgreicher Ausnutzung der Möglichkeiten neue Erfolge für sich buchen, denn sie verfügen auf allen Gebieten über professionelle Kräfte und große Erfahrungen. Unserer Ansicht nach gibt es zukunftsträchtige Pläne, die nicht nur für die nationale Kunst von Nutzen sein können, sondern darüber hinaus auch für die gesamte musikalische Welt.

Im Herbst 2001 fand in Jerewan unter der Schirmherrschaft der UNESCO und dank der Mitwirkung des armenischen Komponistenverbandes sowie weiterer Organisationen die zweite internationale Konferenz „EastWest: Dialogues in Armenia“ statt. Sie bot ein breites Forum für die Probleme des Integrationsprozesses von Orient und Okzident. Man debattierte über die ästhetischen Parallelen der beiden Kulturen, die gegenseitige Durchdringung in der Kunst Armeniens und seiner Nachbarn, über die vielfältigen Probleme im Kontext der Entwicklungsperspektiven der Kompositionstechniken. Es ist nicht zufällig, dass eine solche Konferenz in Armenien stattfand, denn in der zeitgenössischen armenischen Musikkunst widerspiegeln sich fast alle wesentlichen Strömungen der internationalen Musik.

Allgemein gesprochen beruhen die Fragen, die mit den schöpferischen Perspektiven der armenischen Musik zusammenhängen, auf der Arbeit unterschiedlicher Organisationen. Die wesentlichste Komponente dabei ist die Arbeit, die an der jungen Generation geleistet wird. Dabei spielen das nach Komitas benannte staatliche Konservatorium sowie der Verband der armenischen Komponisten und Musikwissenschaftler eine sehr große Rolle.

So finden am Konservatorium seit den 1940er Jahren parallel zu den Lehrveranstaltungen die Frühjahrs-und Herbstkonferenzen der so genannten „Studentischen Union für wissenschaftliche Schöpfungen“ statt, deren Sinn und Zweck es ist, neue Ansätze von jungen Musikwissenschaftlern vorzustellen und diese kritisch zu durchleuchten, sich zeitgenössische analytische Techniken anzueignen und vieles andere mehr. Ihren besonderen Platz haben die Probleme der nationalen wie internationalen Musikgeschichte, daneben Probleme der Ästhetik und der neuen Kompositionstechniken. Wichtig dabei ist, dass die jungen Studenten bei der Wahl ihrer Themen frei sind. Die Dozenten sind allenfalls richtungsweisend und greifen nur im Notfall korrigierend ein.

Dank den Bemühungen von Robert Amirchanyan, seines Zeichens Vorsitzender des Verbands der armenischen Komponisten und Musikwissenschaftler, und Martun Israelyan, er steht der Abteilung für Komponisten dieser Organisation vor, kam es zur Gründung einer Unterorganisation von jungen Komponisten, wo unterschiedliche Gruppen von Gleichgesinnten tätig sind. Den jungen Komponisten und Musikwissenschaftlern wird die Gelegenheit geboten, ihre Werke vorzustellen, die anschließend Gegenstand von Kritik wie von Analyse werden.

Zu den wichtigsten Ereignissen des armenischen Musiklebens zählen die Wettbewerbe für junge Komponisten, Interpreten und manchmal auch für Musikwissenschaftler. Zahlreiche armenische Interpreten und Komponisten haben nicht nur bei landesweiten und diasporaweiten Wettbewerben, sondern auch bei namhaften internationalen Wettbewerben Erfolge verbucht. Es sind ihrer so viele, dass es müßig ist, sie einzeln aufzuzählen. Häufig jedoch scheint es so zu sein, als hätte das Vaterland keinen Bedarf an ihnen. Die gewonnenen Preise erleichtern ihren Weg ins Ausland, wo sie ihre Begabung unter Beweis stellen. Wir wollen hoffen, dass wenigstens ein Teil von ihnen zurückkehrt und mit ihrer Kunst der nationalen Kultur in diesem 21. Jahrhundert dient.

Durch die sozialen Fragen hindurch schimmern bereits die Umrisse der kommenden Kultur. Von Hindernissen befreit erlauben uns die Kommunikationsmittel, sich mit der gigantischen Informationsflut vertraut zu machen. Ihre schiere Menge erlaubt keine Auslese per Hand, und die bereits vorhandenen Techniken veralten rasch, denn in schneller Folge tauchen neue, fortgeschrittenere Techniken auf. Dies alles betrifft auch die Musikkultur, denn die Kompositionstätigkeit und die Musikwissenschaft hängen unmittelbar von den Errungenschaften der Zivilisation ab. Folglich werden unter neuen Bedingungen neue Formen der Bedeutungsgebung, Strukturierung und der praktischen Umsetzung verlangt.

Es gibt in Armenien eine Reihe von Komponisten und Musiktheoretikern, die sich mit der Entwicklung von neuen Musiktechniken befassen, bei denen digitale Aufzeichnungsgeräte und Computerprogramme Hand in Hand gehen. Der Autor dieses Beitrages untersucht mit seinen Studenten musikalische Paradoxa und ihre Spezifika, die Unterschiede von formaler und nicht formaler Logik, die musikalische Zeit, die Gesetzmäßigkeiten des wahren und unwahren musikalischen Themas und die Aggregatzustände seiner Existenz, die topologische Form und die Geographie der musikalischen Ausdehnung, die energetische Parametrik des musikalischen Gewebes und die Wahrscheinlichkeit in musikalischen Schöpfungen, die Symbolik der Tongraphik und die Wechselbeziehungen der Systeme zur Tonfixierung, mit anderen Worten: alle Prozesse in der heutigen musikalischen Welt.

Ich möchte darauf hinweisen, dass junge Interpreten sich in starkem Maße für modernistische Musik interessieren. Ihre interpretatorischen Möglichkeiten gestatten ihnen, die schwierigsten Stücke der armenischen wie der internationalen Avantgardemusik in ihr Repertoire aufzunehmen.

Aus Gesprächen mit westlichen Besuchern mit musikalischem Hintergrund gewinne ich den Eindruck, dass sie die Musikkunst Armeniens nicht allzu hoch schätzen. Ich bin der Ansicht, dass dies auf nicht hinreichend fundierte Informationen zurückzuführen ist. Leider haben wir in Armenien kein Musikinformationszentrum; ich wünschte mir, wir hätten eins. Verfügten wir über die unverzichtbaren materiellen Mittel, das schöpferische und wissenschaftliche Potenzial in der musikalischen Kunst wären ausreichend, damit Armenien nicht nur als ein Land mit einer nützlichen Tradition, sondern als ein Land der musikalischen Experimente und ästhetischen Innovationen reüssiert.