Heinz-Erich Gödecke: Avet Terterian und Westliche Moderne

Ein Vergleich zweier Musikkulturen
von Heinz-Erich Gödecke, Sommer 1999.
Leicht überarbeitete Fassung Februar 2003.
geschrieben für die Deutsch-Armenische Korrespondenz, die Zeitschrift der Deutsch-Armenischen Gesellschaft

Direkt und zupackend, so ist die Musik Avet Terterians aus Armenien.

Musikalische Momente werden dramaturgisch klar gesetzt, geraten zu Signalen, Zeichen, werden Symbole.
Lang anhaltende Entwicklungen, sensibel intensive Klangschichtungen erzeugen eine Sogwirkung, der sich fast niemand entziehen kann.

Eine klare und präzise Ästhetik vermittelt fraglose Botschaften, fest in der Tradition verwurzelt.
In Westeuropa liegen die Schwerpunkte zumeist anders: fragende Selbstreflexion, Kritizismus, Traditionsabkopplung sind prägende Inhalte des westlichen Avantgarde-Begriffs.
Botschaften werden fragmentarisch ausgedeutet, Traditionen gilt es im Fortschrittsbewußtsein zu überwinden.
Terterian kennt die westliche Ästhetik und ihre Techniken, lebt aber aus seiner armenischen Kultur, aus osteuropäischem Umfeld. Seine dunkel gefärbte Musik ruht auf einem von Tragik bestimmten Weltbild. Jedoch leidenschaftslos stehen die Elemente dieser Musik im Raum und öffnen den Blick auf Wesentliches: seine Musik wird Tor zur Mystik. Westeuropäer kritisieren zuweilen die düstere Färbung.
Gedenkt man aber der armenischen Geschichte, des Genozids, ist dies eigentlich verständlich. Insbesondere der Umstand, daß dieser Völkermord nahezu vergessen, nie das Bewußtsein weiter Teile in Europa erreichte, läßt die Armenier mit ihrem Schicksal allein.

Natürlich ist darüber hinaus das Lebensgefühl in so entfernten Ländern sehr verschieden. Armenien liegt im im Südosten Europas, umgeben von islamischen Ländern und Kulturen, Iran, Aserbeidschan, Türkei. Leidenschaftliche tiefe Emotionalität prägt hier die Musikkultur. Dieser orientalische Einfluß ist in der armenischen Musik unüberhörbar. Lange getragene Töne, zum Hineinhorchen einladend, auf der Duduk mit Zirkularatmung geblasen, werden zu langen Melodie-Linien aufgebaut, wachsen zu konzentrierter Stille.

Im Gegensatz hierzu stehen Mentalität und Lebensgewohnheiten hierzulande.

Westeuropäer neigen zum Verstecken von Bedeutungsvollem, stehen eigener Gefühlswelt kritisch gegenüber. Das hiesige Avantgarde-Verständnis ist von diesem Umstand stark geprägt. Der selbstreflexive Kritizismus, Andeutungsästhetik, kürzelhafte punktuelle Verwendung von musikalischen Einfällen haben hier ihre Ursache. Unterdrückung von Emotionalität, Verhindern eines dramaturgischen Flusses und Zersplitterung zeichnen das Bild der „Neuen Musik“: Dekonstruktivismus.
Die gegenwärtige Situation der westlichen Kultur ist jedoch geprägt von der Erschöpfung dieser Avantartgarde-Idee. Die „Moderne“ ist zu Ende. Die Begriffe „Postmoderne“, „zweite Moderne“ zeigen allein schon an, daß eine Veränderung herbeigemüht wird, aber grundlegend neue Ideen nicht oder kaum ersichtlich sind. Man kann (wieder) alles machen, Melodie, Collage verschiedenster Stile, Abstraktes. Aber der Grundgedanke des Wozu und Wohin wird nicht neu aufgearbeitet. Von Überzeugungskraft durchdrungenene neue Standpunkte lassen sich schwer ausmachen. John Coltrane, Nono, Cage, Messiaen, Webern, Schönberg sind längst Kulturgeschichte. Jetzt lebende Künstler sind herausgefordert; eine Chance?

In dieser Situation ist der Einblick in andere Kulturkreise lehrreich. Aber nicht, wie so häufig, um nur die Exotik des Fremden als Kolorit einzufangen oder die Authentizität der bisher anderen, einsamen, unberührten Musikkultur als Hort der Wahrheit zu bestaunen.

Es gilt grundlegende Fragen neu zu stellen. Warum Musik? Warum so? Wozu waren die Kriterien der Avantgarde-Idee gut? Ihren Sinn müssen wir wieder aufdecken, um die Erfüllung dieser Aufgaben mit neuem Mitteln zu erfüllen.
Ein Blick über die Grenzen kann dabei ideenreiche Antworten bescheren.

In Terterians kompositorische Arbeit einzudringen ist zweifach wertvoll: sie ist uns nah (er schreibt Symphonien) und fern (er wurzelt in armenischer Kultur, die im Schnittpunkt orientalischer und christlicher Einflüsse gewachsen ist). So nimmt er andere Standpunkte ein, der Beweggrund seiner Musik ist anders, er arbeitet aber in westlichen symphonischen Formen, verwendet kenntnisreich westliche Kompositionstechniken. Die Musiktradition Armeniens ist ihm jedoch Heimat, die er erweitert, aber nicht im Fortschrittsglauben zu überwinden trachtet. Er ironisiert nicht, sondern lotet die Tiefe seiner alten Musik aus. Er bringt vorchristliches Wissen mit armenischem Christentum zusammen.

Sparsamkeit der Mittel, genaue Auswahl von Ideen bewirken Klarheit in der Übermittlung der Botschaften. Seine Musik ist gut durchhörbar, übersichtlich in seinen Entwicklungen, aber doch sparsam in der Verwendung konventionellen Materials wie Melodien oder traditioneller europäischer Harmonik. Gewohntes ist nicht zu vernehmen, seine Sprödigkeit ergreift. Terterian weiß, was er erzählen will, und er meint es ernst. Der Begriff des Neuen wird von hier aus gesehen mit anderem Leben gefüllt: das Erzählte wird wichtig, nicht eine andersartige Erzählweise.

Unsere westliche Postmoderne und rational komplexe Vielfältigkeit läßt eine solche beschriebene Direktheit nicht zu. Und sollte es auch nicht, läuft aber Gefahr dabei im Unverbindlichen stecken zu bleiben. Die Ernsthaftigkeit dringt nicht aus ihrem Versteck, wo sie verschämt untergebracht wurde.

Die ungeliebte Folge ist: Kunst wird zur intellektuellen Unterhaltungskultur, ein netter Abend für die Besserwissenden. Ein Kunstprodukt läßt sich so leicht in postmoderner Beliebigkeit verheizen: „Event“ statt Reflexion, Unterhaltung statt Überdenken von Lebenshaltungen. Eine kompositorische Arbeit von außerhalb der Postmoderne, wie die von Avet Terterian, gibt Anlaß Standpunkte hierzulande neu zu überdenken. Warum Terterian komponierte, hören wir; aus dem Kulturraum der sogenannten „Neuen Musik“ und der Postmoderne dringt diese Antwort zu oft nicht durch. Lassen wir aber aus der neu gewonnenen Sicht die Musik der zweiten Jarhunderthälfte Revue passieren, lassen sich herausragende Kompositionen entdecken, auch sie waren bereits klar und direkt. Es gilt, dieses neu zu entdecken. Ihre Qualität liegt im Gesagtem, nicht in kompositorischen Techniken; diese sind zweitrangig wichtig, als Diener der Botschaft.

Terterians Musik ist im äußeren Erscheinungsbild mit seinen Sinfonien und westlich geschultem Klangmaterial, mit seinem Verzicht auf neoklassische Methoden unserer modernen westlichen Kultur sehr nahe. In seinen Beweggründen ist er aber völlig anders. Hier bildet seine Heimat Armenien ein hörbar geistiges Rückgrat. Das macht ihn für uns so bedenkenswert.


Heinz-Erich Gödecke, Komponist und Musiker aus Hamburg, lernte Avet Terterian 1993 in Ekaterinburg, Rußland, kennen.