Heinz-Erich Gödecke: Ein Fenster zu vorchristlichem Wissen

Die 7. und 8. Sinfonie Avet Terterians auf CD
von Heinz-Erich Gödecke, Sommer 1999, geschrieben für die Deutsch-Armenische Korrespondenz, der Zeitschrift der Deutsch-Armenischen Gesellschaft

Wenn Sie die Musik Avet Terterians kennen, werden Sie gespannt sein auf die nunmehr veröffentlichte 7. und 8. Sinfonie, wenn noch nicht, dann sollten Sie neugierig werden.

Aber zunächst eine Vorbemerkung:
Diese CD erfordert ein genaues Hinhören, dann erliegt man ihrem Sog.

Warum:
Zum Einen:
Terterians Musik fesselt unmittelbar, unmißverständlich trifft sie uns an empfindlichster Stelle. Das kann dann vielleicht auch zu Ablehnung führen, aber nie zu Gleichgültigkeit.

Zum Zweiten:
Diese CD wurde offenbar in Original-Dynamik aufgenommen, d.h. die deutlich gespielten Lautstärken-Unterschiede sind auf der CD voll erhalten geblieben. Das hat Folgen. Während leise Stellen sich gerade noch gut hören lassen, lösen die Fortissimo-Stellen Angst aus. So muß es sein, so sollten Sie hören, anders geht es nicht.

Wenn diese Musik einmal richtig wahrgenommen wurde, hinterläßt sie Brandflecken im Gedächtnis.

Was ist das für eine Musik?
Kompositionstechnisch fügt sich die Arbeit Avet Terterians kenntnisreich in das musikalische Geschehen seiner Zeit. Sehr lange stehende Klangflächen, differenziert ausgearbeitet, werden einander gegenübergestellt: hereinbrechend oder fein eingewebt.

Der Bau folgt klar dramatischen Absichten, Kompositionstechniken werden sinnvoll verwendet, sodaß sich ein einfach durchhörbares, klar erkennbares Klangbild ergibt.

Paukenschläge reißen uns aus unserer momentan zerstreuten Befindlichkeit. So beginnt die 7. Sinfonie Avet Terterians.
Ein vibrierendes Trommel-Kontinuum, gespielt auf der Dap, einer armenischen volkstümlichen Trommel, folgt und bildet einen feinen Klangteppich, über den verschiedene Klangereignisse gesetzt sind.
Irisierende Streicherflächen weben sich ein, Bläser und Schlagzeug bauen mit immer neuen, sich verdichtenden Einwürfen einen Spannungsbogen auf. Auf dem Höhepunkt stehen Klangblöcke, wie gehämmert. Der Spannungsbogen wird mit den gleichen musikalischen Elementen wieder abgebaut; eine klagende Klarinette erklingt darin wie aus der Ferne (hinter der Bühne gespielt). Mit unterbrochenen klassischen Motiven, die wie Hoffnungsschimmer aufglimmen, endet diese Sinfonie.

Die 8. Sinfonie ist aus ähnlichen Strukturelementen gebaut.
Auf eine Klangkaskade aus Orchester und Zuspielband antworten leise klagende Frauenstimmen, einen langen Ton vibratolos haltend, der, über eine Verstärkeranlage verfärbt, wie aus einer anderen Welt erklingt.

Pulsierende Viertel im Trauermarschtempo bauen unendlich langsam und unaufhaltsam eine bedrohliche Stimmung auf. Die Spannung eines dramatischen Höhepunktes wird von einem langandauernden, schneidenden Ton der Streicher aufgefangen, um mit Bausteinen des Anfangs (Trauermarsch, Frauenstimmen) zum Ende zu führen. Trommelschläge werden leiser, seltener, verhallen in Unendlichkeit.

Das Ural Philharmonic Orchestra aus Ekaterinburg in Rußland unter der Leitung von Dmitri Liss liefert dieses Ganze in einer prägnanten Interpretation.
Spannungsbögen über sehr große Zeitlängen (18 Minuten, 7. Sinfonie) werden eindrucksvoll aufgebaut, um im Vergehen langsam zu enden.
Wohl eine der wichtigsten und schwierigsten Forderungen bei der Interpretation von Terterians Musik.
Dazu gehört, Lautstärkeverhältnisse sorgsam abzuwägen, nicht nur in der zeitlichen Folge, sondern ebenso im Zusammenfügen der gleichzeitigen Elemente, wodurch die Gegenüberstellung von verschiedenen Klangräumen deutlich wird. Das alles ist auch tontechnisch mit Akribie eingefangen, so kann man beispielsweise gut hören, daß die Klagerufe der Klarinette wie von weither erscheinen, (hinter der Bühne gespielt).

Der Produzent Patrick de Clerck hat mit Bedacht das Ural Philharmonic Orchestra für diese Aufnahmen ausgewählt, denn dieses Orchester verfügt wohl über die größte Spielerfahrung der Musik Terterians.

Die originalen Lautstärke-Unterschiede (Dynamik) wurden belassen und nicht tontechnisch eingeebnet. Somit führt das Hören dieser CD bei entsprechender Musik-Anlage zwangsläufig zu einem Erlebnis. Diese Aufnahme wird für die Terterian-Interpretationen vermutlich Maßstäbe setzen.
Und mit ihr wird dem Erkennen der Musik Avet Terterians nichts mehr im Wege stehen.

Dieser Komponist ist sich seiner Sache, die er zu erzählen hat, sicher. Klar ohne Umschweife führt er uns. Es ist, als fiele Denken und Fühlen zusammen. Ja, als entspränge sie einem zeitlich weit zurückliegenden Bewußtsein, in dem diese Trennung noch nicht existierte.

Terterians Musik kündet ahnungsvoll von kommendem Unheil, weniger von Erdbeben als von jenen Beben, die von uns Menschen verursacht werden, wenn im Rausch von Uneinsichtigkeit und Macht die Welt mit Schwert und Bomben dogmengemäß gerichtet werden soll.

Bach war von neutestamentarischem Geist, Penderecki von alttestamentlicher Wucht. Terterians Musik dagegen steht wie in vorchristlicher Unerbittlickeit vor uns, das Dasein mit seinen schicksalhaften Bedrohungen widerspiegelnd.
Keine Versöhnung und Vergebung im Leid wie etwa bei Giya Khancheli oder Arvo Pärt mildern seine Botschaft.

Ich kenne keine europäische Musik, die so tief zurückgreifende Bewußtseinszustände wachruft. Sie ist wie ein Fenster zu vorchristlichem Wissen.

Solche Deutungen mögen gewagt, diskutabel sein, aber in der Diskussion, im Nachdenken über das Gehörte kristallisieren sich Hörerfahrungen heraus und im Vergleichen zeigt sich die Eigenwilligkeit der Botschaft Avet Terterians und damit seine Bedeutung.

Symphony #7 and #8Avet Terterian (1929 – 1994)
Symphonies

Symphony Nr 7 (1987) 32’10“
Symphony Nr 8 (1989) 32’42“

The Ural Philharmonic Orchestra, Yekaterinenburg / Ural, conducted by Dmitry Liss
Recorded at the Yekaterinenburg Philharmony, August – September 1999
produced by Patrick de Clerck, megadisc classics, MDC 7826