Helga Schmidt-Neusatz: Von der Macht der Massen

„Das Beben“ von Awet Terterjan am Staatstheater am Gärtnerplatz uraufgeführt.

in: Das Orchester, 6/03


Der armenische Komponist Awet Terterjan (1929-1994) gehörte in der Sowjetunion mit Sofia Gubaidulina, Arvo Pärt oder Alfred Schnittke zu einem Kreis von Komponisten, die sehr individuelle Stile entwickelten. Terterjan schrieb neben acht Symphonien Kammermusik und Orchesterwerke. Die Uraufführung seiner Oper Das Beben sollte bereits im Jahr 1986 in Halle stattfinden, doch sie kam damals nicht zustande. Der Regisseur Claus Guth wurde auf Symphonien des Komponisten aufmerksam und erfuhr durch den schon damals vorgesehenen Dirigenten Ekkehard Klemm, dass es diese noch nicht aufgeführte Oper gab. Beide konnten schließlich auch den Intendanten Klaus Schulz dafür gewinnen, das Werk aufzuführen.

Eine Hauptschwierigkeit war der zu kleine Orchestergraben des Gärtnerplatztheaters. Durch Claus Guths Regiekonzept wurde dieses Problem überzeugend gelöst. Über den Parkett-Stuhlreihen sitzen die Musiker (u.a. vier riesige Trommeln!). Dieser Raum ist auch gleichzeitig die Spielfläche. Auf zwei sich kreuzenden Laufstegen vollzieht sich das Drama. Man sitzt wie in einer Arena und blickt von allen Seiten auf das Geschehen. Ob auf der Bühne oder auf den Rängen – überall sitzen neben den Zuschauern auch Chorsänger in Gruppen. Dadurch ist man als Zuschauer ganz von Klang umgeben.

Die Oper Das Beben basiert auf Kleists Das Erdbeben von Chili. Die Librettistin Gerta Stecher hat zusammen mit Terterjan viele Personen aus Kleists Novelle gestrichen und schuf gerade dadurch eine Konzentrierung auf den Kern des Dramas. Zu Beginn der Oper wird die namenlose „Sie“ zur Hinrichtung vorbereitet: Die Haare werden abgeschnitten, eine Augenbinde wird angelegt. Zur gleichen Zeit bereitet der ebenfalls namenlose „Er“ seinen Selbstmord vor. Das dann einsetzende Erdbeben verhindert Hinrichtung und Selbstmord. Sie finden wieder zueinander, werden aber – als sie zusammen mit den anderen Überlebenden in der Kirche danken wollen – von der Masse erkannt und gelyncht. Die Masse wird hier individualisiert dargestellt durch einen Tänzer.

Terterjan schrieb dazu eine sehr eindringliche Musik, die ihre Wirkung oft gerade aus der Langsamkeit bezieht. Die Oper beginnt mit einem ca. 20 Minuten gehaltenen Akkord der Streicher, über diesen Bordun werden dann Glockenschläge zugespielt. Auf der vokalen Seite werden weniger die Dialoge transportiert, als vielmehr oft nur Wortfetzen durch Wiederholungen („Leben, leben, leben…“) musikalisiert. Terterjan verwendet auch Instrumente aus Armenien (wie das oboenartige Duduk) und traditionelle Harmonien der armenischen Liturgie. Man hört im Wechsel sowohl aggressive als auch meditative Klänge. Die Klimax des Stückes – das Erdbeben – wird mit scharfen Tutti-fortissimo und fast schmerzhaften Lichteffekten verdeutlicht.

Schon dass diese Produktion überhaupt zustande kam, verdient Respekt; aber es war dazu auch noch überzeugend und schlüssig inszeniert (Raum und Kostüme: Christian Schmidt). Ruth Ingeborg Ohlmann als „Sie“ und Wolfgang Schwaninger als „Er“ lieferten sich ihren Partien mit Verve, aber ohne pathetische Überzeichnung aus. Chor und Orchester des Hauses bewiesen mit dieser Produktion erneut: Ihr Können hört nicht bei der leichten Spieloper auf!

Ekkehard Klemm am Pult gelang es, mit konzentrierter Ruhe alle Mitwirkenden vor, neben, hinter und über sich im Auge zu haben, und seine Sicherheit übertrug sich auf das ganze Ensemble. Es wäre zu wünschen, dass auch andere Häuser vor den Schwierigkeiten des Stücks nicht zurückschrecken.