Konrad Kuhn: …geht der menschliche Geist…

…GEHT DER MENSCHLICHE GEIST
NUN AUF WIE EINE SCHÖNE BLUME

The Premiere of the Opera DAS ERDBEBEN by Awet Terterjan
Staatstheater am Gärtnerplatz, Munich, March 2003

Am 3. Mai 2002 hat Staatsintendant Klaus Schultz im Rahmen einer Pressekonferenz den Spielplan des Staatstheaters am Gärtnerplatz für die Spielzeit 2002/2003 bekanntgegeben. Unter den Neuinszenierungen ist auch ein Titel, der vielleicht überraschen mag: Für 16. März 2003 haben wir die Uraufführung der Oper DAS ERDBEBEN von dem armenischen Komponisten Awet Terterjan angekündigt. Das 1865 als „Actien-Volkstheater“ gegründete Gärtnerplatz-Theater hat in seiner Geschichte, die bis zur Mitte des 20. Jahrhundert von Schauspielen mit Musik, von Operetten und gelegentlichen Opernaufführungen geprägt war, seit 1955 aber zunehmend den Akzent auf Opern von Purcell bis Puccini, von Mozart bis Massenet legt, nicht sehr viele Uraufführungen zu verzeichnen. Hans Werner Henzes LA CUBANA wurde 1975 hier uraufgeführt, Wilfried Hillers GOGGOLORI wurde 1985 hier uraufgeführt, Werke von Igor Strawinsky, Carl Orff, Werner Egk oder Aribert Reimann wurden in den letzten Spielzeiten ins Repertoire aufgenommen. 1999 gab es in Zusammenarbeit mit der Münchner Biennale die Uraufführung der Oper WENN DIE ZEIT ÜBER DIE UFER TRITT von Wladimir Tarnopolski. Die Uraufführung eines Werks des zeitgenössischen Musiktheaters außerhalb solcher Kooperationen ist für unser Theater jedoch eher die Ausnahme.

Die Entscheidung für diese Uraufführung ist zum einen mit der Absicht verbunden, die Sicht auf unser Theater, das mit seinem vielfältigen Angebot als zweites Opernhaus – neben der Bayerischen Staatsoper – in München in mancherlei Hinsicht nicht immer so wahrgenommen wird, wie wir uns das wünschen, ein wenig zu schärfen. Zum anderen ist die geplante Inszenierung mit zwei Künstlern verbunden, die sich persönlich für Awet Terterjan und seine Kleist-Oper DAS ERDBEBEN eingesetzt haben. Das ist zum einen unser stellvertretender Chefdirigent Ekkehard Klemm, der 1986 für die Uraufführung des in den 80er Jahren vom Landestheater Halle und der Leipziger Edition Peters in Auftrag gegebenen Werks vorgesehen war; seitdem Halle die geplante Uraufführung seinerzeit abgesagt hatte, suchte Ekkehard Klemm nach der Möglichkeit einer Realisierung dieses Werkes. – Das ist zum anderen der Regisseur Claus Guth, derzeit einer der gefragtesten Regisseure des europäischen Musiktheaters; für 2003 ist sein Debüt bei den Bayreuther Festspielen mit DER FLIEGENDE HOLLÄNDER geplant. Er ist unserem Theater seit mehreren Jahren verbunden und hat sich von der ersten Begegnung mit Terterjans Musik an dafür begeistert, diese Oper am Gärtnerplatz zur Uraufführung zu bringen. Ich möchte im folgenden das Werk und das Team, das sich zu seiner Uraufführung zusammengefunden hat, kurz vorstellen.

Der Stoff

Die Novelle DAS ERDBEBEN IN CHILI von Heinrich von Kleist erzählt einen Vorfall, der sich bei der Zerstörung der Stadt Santiago de Chile 1647 zugetragen haben soll. In der Entgegensetzung von zerstörerischer Naturgewalt, die gesellschaftliche Strukturen außer Kraft setzt, und einer in der Naturschilderung deutlich mit paradiesischen Attributen gekennzeichneten, durch die Katastrophe erst möglich gewordenen Erlösungshoffnung, der dann durch die hysterisierte Masse der entwurzelten Menschen ein mörderisches Ende bereitet wird, hat Kleist mit seiner ersten Erzählung, geschrieben 1806, einen philosophisch extrem verdichteten Text geschaffen, der auch als „Beben des Sinns“ gelesen werden kann. – Der Titel dieser Ausführungen („…geht der menschliche Geist auf wie eine schöne Blume“) zitiert einen Satz aus dem Libretto, der eine der vielen Metaphern im Zusammenhang mit dem menschlichen Bewußtsein in Kleists Text aufgreift. – Der armenische Komponist Awet Terterjan entschied sich für Kleists Stoff, als er den Auftrag für seine zweite Oper (nach DER FEUERRING, 1967) erhielt. Die Handlung – vom Chor, von wenigen Solisten und von zwei Hauptfiguren, ER und SIE, getragen – verarbeitet die Grundstruktur der Kleist-Novelle in freier Art und Weise:

Die Tochter eines Adeligen ist in ein Kloster gesteckt worden, um sie von ihrem Geliebten, dem Hauslehrer, zu trennen. Dennoch ist es den Liebenden gelungen, sich im Klostergarten zu treffen und zu vereinen. Daraufhin werden beide zum Tode verurteilt. Kurz vor der Hinrichtung werden sie durch ein Erdbeben befreit und treffen sich vor den Toren der zerstörten Stadt wieder. Um an einem Gottesdienst teilzunehmen und Gott für ihre wundersame Rettung zu danken, begeben sie sich in die halbzerstörte Kathedrale in der Stadt. Sie werden erkannt und als schuldig an der Heimsuchung gebrandmarkt. Die aufgebrachte Menge tötet sie.

Nicht nur in der 1984 vollendeten Oper DAS ERDBEBEN, sondern auch in der 1987 geschriebenen 7. Symphonie greift Terterjan das Thema Erdbeben auf: in diesem einsätzigen, von schicksalhaften Trommelschlägen interpunktierten Werk steigern sich bedrohliche Klangballungen bis zu einem gewaltsamen Höhepunkt, der in der Partitur durch menschliche Schreie und durch das Geräusch von berstendem Holz beschrieben wird. Beinahe möchte man dem Komponisten prophetische Gaben zubilligen: am 7. Dezember 1988 – also ein Jahr nach der Komposition dieser beiden Werke – wurde der Norden der (damals noch sowjetischen) Republik Armenien von einem Erdbeben erschüttert, das über 25.000 Menschen das Leben kostete. Bis heute ist die Region Gjumri davon gezeichnet.

Die Musik

Awet Terterjan, der im Dezember 1994 unerwartet in Jekaterinburg starb, ist in den letzten Jahren vor allem durch seine Symphonien mehr und mehr bekannt geworden. Seine Musik verarbeitet verschiedene Techniken, die von den westlichen Avantgarden der letzten Jahrzehnte entwickelt wurden: Tonbandzuspielungen, aleatorische Elemente, ostinate Wirkungen, blockartige Großformen, mikrotonale Passagen, ungewöhnliche Klangfarben (z.B. durch den Einsatz des Cembalos oder auch bestimmter Instrumente der armenischen Volksmusik).

Zugleich schöpft Terterjan aus den archaischen Traditionen der armenischen Musik, ohne je folkloristisch zu sein. Melodische Floskeln fehlen nicht, werden aber eher als Klanggesten eingesetzt, die im Kontrast zu farbigen Flächen treten. Motivische Arbeit ist Terterjan fremd. Der Ansatzpunkt seines Komponierens ist der einzelne Ton, oft über lange Zeiträume gedehnt – auch hierfür gibt es eine Tradition in der armenischen Volksmusik: der „dam“ genannte unendliche Ton des Duduks, eines oboenähnlichen Instruments, das mit Zirkularatmung geblasen wird. Diese Beschäftigung mit dem einzelnen Ton ist durchaus metaphysisch zu verstehen: Musik als Medium, um mit dem Kosmos in Verbindung zu treten.

Trotz ihrer Statik vermittelt die gut durchhörbare Musik Terterjans, in der – außer Tonbandzuspielungen zuvor aufgenommener Klangflächen – keine elektronischen Mittel zum Einsatz kommen, den Eindruck eines unaufhörlichen Fließens. Abgesehen von punktuellen Klangereignissen werden die Klangschichtungen so variiert, daß verschiedene Zustände zueinander in Beziehung treten, sich gegenseitig beleuchten, sich überlagern und so wie durch ein Prisma gebrochen erscheinen; man könnte in einer paradoxen Formulierung von ‚statischen Vorgängen‘ (Ekkehard Klemm) sprechen.

Grundzug des Komponierens von Awet Terterjan, der seine Werke abseits der Metropolen in der rauen Bergwelt Armeniens, in Dilishan und am Sewansee geschaffen hat, ist die das Mystische streifende Überzeugung, in seiner Musik die großen Menschheitsfragen von Schuld und Erlösung kontemplativ und gleichzeitig mit äußerst emotionaler Gebärde zur Sprache bringen zu können. Die Musik ist ihm dabei Mittel zur Erkenntnis, nicht ästhetische Spielwiese.

Armenische Geschichte

Über Terterjans Musik liegt eine düstere Grundstimmung. Darin drückt sich seine Verbundenheit mit Armenien und seiner Geschichte aus. Seit Jahrtausenden südlich des Kaukasus, zu Füßen des Ararat (dem biblischen Landeplatz der Arche Noah), am Schnittpunkt von Orient und Okzident beheimatet, später als christliches Volk unter Muslimen, waren die Armenier Jahrhunderte langen Verfolgungen ausgesetzt. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts waren das armenische Volk, seine Sprache und seine Kultur durch den Genozid des jungtürkischen Regimes im Osmanischen Reich – planmäßige Deportationen und Massenhinrichtungen, denen schätzungsweise 1,5 Mio. Menschen zum Opfer fielen – in ihrer Existenz bedroht. Die Tatsache, daß dieser Völkermord bis heute von türkischer Seite geleugnet wird, führt dazu, daß dieses nationale Trauma sowohl für die heutige Republik Armenien wie für die über die ganze Welt verstreute Diaspora von zentraler Bedeutung ist. Der 1988 ausgebrochene, bis heute ungelöste Konflikt um das Gebiet Berg-Karabach (armenisch: Arzach), das sich nach pogromartigen Repressionen von Aserbaidschan losgekämpft und als eigene Republik gegründet hat, ist auch vor diesem Hintergrund zu sehen.

Das Team der Uraufführung

Der unmittelbaren Wucht und dem suggestiven Sog der Musik von Awet Terterjan kann man sich kaum entziehen. Der Regisseur Claus Guth war vom ersten Augenblick an fasziniert von dieser Musik. Claus Guth hat sich – neben Inszenierungen ‚klassischer‘ Komponisten des Repertoires wie Gluck, Verdi oder Wagner – vor allem mit Uraufführungen einer ganzen Reihe von Werken des zeitgenössischen Musiktheaters u. a. bei der Münchner Biennale, bei den Salzburger Festspielen, an der Semperoper Dresden und am Theater Basel einen Namen gemacht. Sein langjähriger Partner für Bühnenbild und Kostüme ist Christian Schmidt; gemeinsam haben sie am Staatstheater am Gärtnerplatz in München bereits Albert Lortzings DER WILDSCHÜTZ, Werner Egks DER REVISOR und Richard Wagners Jugendwerk DAS LIEBESVERBOT gestaltet.

Die musikalische Leitung der Uraufführung hat unser stellvertretender Chefdirigent Ekkehard Klemm, der sich vielfach mit zeitgenössischer Musik auseinandergesetzt hat. Er hat an unserem Theater zuletzt die oben erwähnte Uraufführung von Tarnopolskijs WENN DIE ZEIT ÜBER DIE UFER TRITT, Aribert Reimanns MELUSINE, Hans Werner Henzes DIE ENGLISCHE KATZE und in dieser Spielzeit Werner Egks DER REVISOR geleitet sowie mit dem Orchester des Staatstheaters am Gärtnerplatz für den Ballettabend A(T)TEMPTING BEAUTY, eine Choreographie unseres Ballettdirektors Philip Taylor, Werke von Elena Kats-Chernin, Aaron Jay Kernis, Henryk Górecki und anderen Zeitgenossen einstudiert.

In Zusammenarbeit mit Ekkehard Klemm, der Awet Terterjan 1986, im Vorfeld der geplanten Uraufführung am Opernhaus Halle, in Eriwan getroffen hat, wollen Claus Guth und Christian Schmidt ein szenisches Konzept erarbeiten, das einzelne Instrumentalgruppen (wie das Schlagwerk) auf der Bühne plaziert und in den theatralen Ablauf einbezieht. Der Umstand, daß der von Terterjan geforderte Klangapparat die Abmessungen des Orchestergrabens im Gärtnerplatz-Theater sprengt, ist ihnen willkommener Anlaß, den gesamten Theaterraum (Bühne, Graben und Zuschauerraum) in die Inszenierung einzubeziehen. Wir sind überzeugt, daß die Uraufführung der Oper DAS ERDBEBEN, 16 Jahre nach ihrer Entstehung – jenseits des Theateralltags mit seinem mehr oder weniger kanonisierten Repertoire, aber auch abseits der spezialisierten Festivals mit ihrem für neue Musik geschulten Fachpublikum, also für das ‚große Publikum‘ – ihre seismischen Wellen über die Grenzen unseres Theaters hinaus entfalten wird.

Der Autor dieses Textes ist persönlicher Referent des Staatsintendanten, geschäftsführender Dramaturg und Pressesprecher des Staatstheaters am Gärtnerplatz

Uraufführung
Awet Terterjan (1929-1994)
DAS ERDBEBEN
Oper in zwei Teilen
Libretto von Awet Terterjan und Gerta Stecher
Nach der Novelle DAS ERDBEBEN IN CHILI von Heinrich von Kleist

Musikalische Leitung: Ekkehard Klemm
Inszenierung: Claus Guth
Bühnenbild und Kostüme: Christian Schmidt

Ensemble, Chor und Orchester des Staatstheaters am Gärtnerplatz, München

Premiere: Sonntag, 16. März 2003, 19 Uhr