Prof. Swetlana Sarkisjan: Avet Terterian und Deutschland

Awet Terterjan (1929 – 1994), ein hervorragender Künstler, der nach neuen Wegen in der Kunst suchte, reformierte die armenische Musik im Bereich der Symphonie und des musikalischen Theaters. Diese beiden Gebiete bekamen eine ganz individuelle Interpretierung, die in der Verbindung der Musik mit Anthroposophie und Philosophie zu sehen ist.

Dank Terterjan konnte die armenische Musik ihren internationalen Nachklang erweitern. Sie bereicherte das nationale Denken durch eine Würde der außerpersönlichen, globalen Orientiertheit. Terterjan gehört zu jenen Komponisten des 20. Jahrhunderts, für die die Musik eine kosmische Erscheinung war, eine Erscheinung, deren Verstand, Ordnung und Bewegung dem Universum gehört.

Der Weg des Musikers Terterjan war – mit den Worten des von ihm verehrten R. Steiner – „Erkenntnis der übersinnlichen Welt“. Davon zeugen außer den obengenannten Stücken auch noch acht Symphonien und das „Streichquartett Nr. 2“.

Terterjan hat viele literarische Gedanken über Musikphilosophie hinterlassen; einige von ihnen sind in Deutschland veröffentlicht worden. Terterjan und Deutschland – ein Thema, das mehr als 30 Jahre alt ist. Es stammt aus den Jahren, in denen Terterjan ein Thema für seine Oper suchte. Durch des Schicksals Fügung wurde sie „Der Feuerring“ genannt und beruhte auf der Erzählung „Der Einundvierzigste“ von Lawrenjow und auf den Gedichten von Jeghische Tscharenz.
Lange zuvor hatte Terterjan vor, für das Moskauer Musiktheater Musik nach Brechts „Mutter Courage und ihre Kinder“ zu schreiben. Dieses Vorhaben konnte sich aber nicht verwirklichen. Die Ideen des Brechtschen epischen Theaters aber beschäftigten jahrelang das Bewußtsein von Terterjan. Im „Feuerring“ gestaltet sich die Operndramaturgie wie bei Brecht durch den „Verfremdungseffekt“.
Die Konzeption Brechts zeigt sich fragmentarisch auch in seinen weiteren Bühnenstücken: im Ballett „Monologe Richards III.“ (nach Shakespeare) und noch vielmehr in seiner Oper „Das Beben“ (nach Heinrich Kleists Erzählung „Das Erdbeben in Chile“).

Die Themen Terterjans könnte man aus zwei Perspektiven beleuchten, die hier aber nur skizziert werden können: die eine ist die Beziehung der Tondichtung Terterjans zur deutschen Kultur und die andere ist die Rolle, die Deutschland im Leben dieses Komponisten gespielt hat.
Terterjans künstlerische Beziehung zu Deutschland hat sich vielseitig entwickelt. Das Interesse für alles Deutsche – sei es Musik, Literatur. Psychologie, Philosophie, geistige Ausbildung – entstammt dem menschlichen Wesen von Terterjan, der im Leben und Schaffen immer dem Prinzip der vielseitigen logischen Sinngebung folgte. Deshalb war Musik für Terterjan vielmehr die Kunst einer geistigen Erkenntnis als die der psychischen Zustände. Dieser Standpunkt nähert sich der deutsch-österreichischen Tradition, wo die Denkenergie die schall-akustischen Eigenschaften des musikalischen Stoffes in sich hineinzuschlucken scheint. Die Beethovensche Dramatik, die Brucknersche religiöse Abgeschiedenheit, das Wagnersche Gesamtkunstwerk, das Mahlersche Streben nach Harmonie und das Schönbergsche nach Disharmonie, die Bühnen-Kantate von Carl Orff – diese Mischung der deutschen Tradition verkörpert sich in ihrer abstrakten Form in der Musik Terterjans. Wenn in der ersten Terterjan-Oper die Brecht-Konzeption und die das 20. Jahrhundert kennzeichnende Themenmehrheit („Der Feuerring“ ist eine Oper der oratorischen Gattung) eine Brücke zur deutschen Oper schlug, so ist das Ergebnis der künstlerischen Synthese im „Beben“ mit Kleist verbunden.
Der deutsche Schriftsteller bringt seine Novelle der Parabel-Gattung näher, was dem Komponisten Terterjan eine Modellierung der Elemente ders mittelalterlichen Mirakels in seiner Oper ermöglicht. Die eigenartige Phantasie des Komponisten rechtfertigt die theatralisch-stilistische Schichtung und ermöglicht eine freie Interpretation des Skeletts der Handlung bei Kleist. Durch eine wunderliche Verflechtung moderner und altertümlicher Formen zeichnet sich im „Beben“ ein Abriß des Formaltheaters des 20. Jahrhunderts ab. Diese 1984 vollendete Oper wurde im Auftrag des Theaters Halle  geschaffen und in deutscher Sprache geschrieben. Das Libretto hat der Autor zusammen mit Stecher geschaffen. Die Aufführung aber hat sich hingezogen und wurde später abgesetzt.
Auf Anfrage des Komponisten kam ein Brief aus Frankfurt am Main von dem Verlag „Peters“, der von Roland Schied unterschrieben wurde. Darin hieß es: „Ihre Oper „Das Erdbeben“ sollte von dem Operntheater der Stadt Halle aufgeführt werden. Aus uns unbekannten Gründen aber hat das Theater abgesagt. Das Material zur Aufführung der Oper befindet sich bei uns. Wir werden Ihnen mitteilen, wann die Oper aufgeführt werden kann „(2. Dezember, 1991)

Das Operntheater Halle und die Stadt Halle haben eine historische Rolle im Leben des Komponisten Terterjan gespielt. Im Jahre 1977, als die Jerewaner Erstaufführung des „Feuerrings“ 10 Jahre hinter sich hatte, wurde die Oper in Halle unter dem Dirigenten Hans Wetzel erneut aufgeführt. Der Erfolg war so groß, daß diese Oper auch bei der Eröffnung des Händel-Festivals in Halle gespielt wurde.

Die deutsche Presse, insbesondere die Berliner Musikwissenschaftlerin Hannelore Gerlach, die viele Artikel und Interviews mit dem Komponisten in Deutschland veröffentlichte, hat zur Popularisierung seiner Musik beigetragen. Terterjan bekam den Auftrag zu einer Symphonie für die Einweihung des neuen Gewandhauses in Leipzig. Es war die Fünfte Symphonie, deren Erstaufführung aber wieder in Halle stattgefunden hat. In den 80er Jahren wurden Terterjans Symphonien auch in anderen Städten Deutschlands aufgeführt: die Vierte wurde 1987 in Stralsund gespielt, die Sechste ein Jahr davor während des großen Festivals der Modernen Musik in Westberlin. Das Solisten-Ensemble des Bolschoj-Theaters leitete damals Alexander Lasarew, unter dessen Führung ein deutsches Orchester Terterjans Sechste Symphonie im Jahre 1991 auf den Festspielen der Sowjetischen Musik in Duisburg aufgeführt hat.
Das war die Blütezeit des talentierten armenischen Komponisten. Er lebte dennoch zurückgezogen im Komponisten-Haus der Stadt Dilidschan. In der Stille. Umgeben von der herrlichen Berglandschaft. „Die Stille ist auch Musik“ – pflegte Terterjan zu wiederholen.
Dilidschan war für ihn ein Treffpunkt, wo er mit vielen bekannten Musikern zusammentraf. Nach einem kurzen Aufenthalt in Dilidschan äußerte sich die russische Komponisten Sofia Gubaidulina, die derzeit in Deutschland lebt, über den Komponisten: „Er ist „pathologisch“ begabt.“
Diesen Eindruck hat eigentlich jeder, der mit der Musikwelt des Komponisten vertraut ist.
Noch in den 70er Jahren hat ihn der polnische Komponist Krzystof Meyer entdeckt, der zur Zeit Professor an der Musikhochschule in Köln ist. In den 80er Jahren wurde unter seiner Mitwirkung Terterjans Sechste Symphonie auf dem Internationalen Festival der Modernen Musik in Warschau aufgeführt.

Das schicksalhafte Jahr 1994 wurde zu einem Höhepunkt im schöpferischen Leben des Komponisten. Vom 11. Juni bis zum 30. November lebte Terterjan im Schloß Wiepersdorf bei Berlin mit einem Stipendium der Kulturschaffenden des Landes Brandenburg. Hier wurde von den Berliner Philharmonikern sein „Streichquartett Nr. 2“ zum erstenmal gespielt. In dieser letzten Phase seines Lebens trat Terterjan mehrere Male im Deutschen Fernsehen und Radio auf, hielt Vorlesungen und stellte seine eingenen Werke vor.

Awet Terterjan verließ die Welt unerwartet, als er sich in Jekaterinburg aufhielt. Zum Geheimnis seines Schaffens fügte er das Geheimnis seines Todes hinzu. Seine neuen Ideen konnten sich nicht verwirklichen. In Deutschland wollte er seine Neunte Symphonie zu Papier bringen, die er schon im Kopfe hatte.

Deutschland wurde zum Zeugen seines Erfolges und der Anerkennung seiner musikalischen Ideen.

Deutschland wird unbedingt zu jenen Ländern gehören, in denen die Musik des wunderbaren Künstlers erklingen wird.