Dresdner Neueste Nachrichten: Brückenschlag zwischen Kulturkreisen

Die Dresdner Neuesten Nachrichten am 29. November 2005: Brückenschlag zwischen Kulturkreisen

Wieder jauchzt und frohlockt es in und um Dresden. Um die im Zentrum stehenden Kreuzchor-Aufführungen des Bachschen Weihnachtsoratoriums (16./ 17. Dezember) reihen sich viele andere, deren Anzahl längst im zweistelligen Bereich liegt. Die Dresdner Singakademie wartete nun in der Lukaskirche mit einem Experiment auf, das ungewöhnlich erschien, das Mut bewies, vor allem aber bisherigen Konventionen zu begegnen suchte.

Der Leiter der Singakademie, Ekkehard Klemm, kam 1985 in Kontakt zum Schaffen des Armeniers Avet Terterjan (1929-1994), dessen Oper „Das Beben“ er 2003 in München uraufführte. Aus der Begegnung mit dem armenischen Kulturkreis wuchs die Idee zu einem musikalischen Brückenschlag und zu einer besonderen Programmfolge: Zwischen die Kantaten 1 und 3 von Bachs Weihnachtsoratorium setzte Klemm Terterjans Sinfonie Nr. 6. über 250 Jahre trennen die Werke. Gemeinsam sind ihnen die christliche Wurzel, die humanistische Sendung, das Bekenntnis – hier lässt sich eine Brücke schlagen. Getrennt sind die Werke natürlich durch den Stil, durch die musikalischen Mittel, durch die kulturellen Quellen – dies garantiert ungewöhnliche Spannung.

Vom Begriff „Sinfonie“ darf man sich nicht irritieren lassen. Terterjans Stück ist eine fast 40 Minuten währende Meditation, durch einen großen Gong eröffnet, die sogleich durch eingesprochene und eingespielte Klänge fesselt. Die kleine Trommel kommentiert, das „Klangband“ erscheint wie aus der Ferne. Wenn die Streicher, sich steigernd, eingreifen, entsteht eine Stimmung der Beruhigung, die durch Wechsel der Klangfarben nicht beeinträchtigt wird. über kleine Dialoge erfährt das Stück eine Verdichtung, der Glockentöne etwas Erhabenes verleihen. Im Laufe der Aufführung stellte sich freilich bei mir eine gewisse Ratlosigkeit ein. Lag es daran, dass das „Zeitgefühl“ des Armeniers Avet Terterjan von dem unseren meilenweit entfernt ist. Dass das Meditative gewissermaßen „zeitlos“ verharrt, während es bei uns im „Abendland“, so überhaupt vorhanden, andere Verlaufsdimensionen annimmt? Lag es daran, dass der Verzicht auf melodische Entwicklungen, die Ein-Tönigkeit, auch zu gewisser Eintönigkeit führten? Oder an allem zusammen? Unter Ekkehard Klemms engagierter Leitung leisteten die Sinfonietta Dresden und die Tonregie Dirk Homanns, für kurze Zeit auch der Chor, Ausgezeichnetes. Der Wirkung konnte man sich nicht entziehen. Das Stück versinkt ins Nichts, worauf das dem „Herrscher des Himmels“ gewidmete Frohlocken Bachs eine andere Ebene erreichte. Die mehr als solide Darbietung der beiden Kantaten durch die Solisten Daniela Haase, Anna Mayilyan, Eric Stokloöa und Olaf Bär, Kammer- und Kinderchor der Singakademie und Sinfonietta Dresden kann hier nur pauschal hoch gewürdigt werden.

Die Konfrontation mit dem Ungewohnten (oder war es doch Angleichung?) fand Überhöhung durch den ergreifenden Vortrag von Sharakans – armenischen Gesängen aus dem 5. bis 15. Jahrhundert. Die von Anna Mayilyan mit flexibler Stimme vorgetragenen, in den Oratorien-Verlauf eingefügten Melodien verwiesen auf gleichen Ursprung – die Geburt Christi. Dass die Armenierin auch die beiden Alt-Arien Bachs sang, war ein weiterer gelungener Brückenschlag. Das Öffnen von Vorhängen verdient Respekt und Dank. Der Beifall bestätigte es.

Hans Peter Altmann