Dresdner Sinfoniker: Entdeckungsreise in die Morgenländer

Dresdner Sinfoniker: Entdeckungsreise in die Morgenländer

Musik aus Tadschikistan, Aserbaidschan, Georgien und Armenien
Foto: Johann Scheibner

Presse-Berichte über das Konzert der Dresdner Sinfoniker: Entdeckungsreise in die Morgenländer
Michael Helmrath dirigierte orientalisches Programm
Mitteldeutsche Zeitung

Dresdner Sinfoniker:
Musik Mittelasiens
Sächsische Zeitung

Bald auch auf Rezept?
Entdeckungen der Dresdner Sinfoniker im Kulturpalast
Dresdner Neueste Nachrichten

Einzeltöne
eine Besprechung der CD in der nmz.

Music from Tajikistan, Georgia, Azerbaidjan and ArmeniaMusic from Tajikistan, Georgia, Azerbaidjan and Armenia
Dresdner Sinfoniker, conducted by Michael Helmrath
Double-CD, LC 03480
Arte Nova (BMG)

 


Entdeckungsreise in die Morgenländer

Als Sven Helbig, neben Markus Rindt der Gründer der Dresdner Sinfoniker, im Frühjahr das neue Programm vorstellte, waren mit Frank Zappas „Yellow Shark“ und John McLaughIins „Apokalypse“ zwei bekannte Größen verzeichnet. Die Ankündigung allerdings, im Juli ein Programm mit Kompositionen aus Tadschikistan, Aserbaidschan, Georgien und Armenien aufzuführen, erzeugte Kopfschütteln.
Michael Helmrath aber, im Hauptberuf Leiter des Philharmonischen Kammerorchesters München, vertraute dem Enthusiasmus und stand daher nun im Dresdner Kulturpalast als Reiseleiter am Pult.

Giya Kanchelis „.. . là Duduki“ ist dem Klang der oboenähnlichen Duduk gewidmet. Der Georgier vergleicht den Klang dieses Blasinstrumentes mit dem imaginären Klingen der menschlichen Seele. Wohl deshalb war die Duduk selbst auch gar nicht besetzt, doch fand sie sich unüberhörbar in der Nachahmung durch andere Orchesterinstrumente. Aus einem anfänglichen Getöse arbeiteten sich die zweiten Violinen hervor, um dann die Basis für Improvisationen orientalischer Skalen zu geben. Die Komposition wirkte so spontan, als würde sie im Moment des Gespieltwerdens erst entstehen.

Unangefochtener Höhepunkt war dann das Flötenkonzert „Nola“, das Benjamin Yusupov für den schweizerischen Flötisten Matthias Ziegler komponiert hatte. Nola ist Persisch und bedeutet Sanftheit und auch Ausschmückung des Glanzes. Wie Ziegler diesen Gedanken in Musik umsetzte, war sensationell. Mit Baß- und sogar Kontrabaßflöte, an denen hochempfindliche Tonabnehmer auch den leisesten Ton einer Klappe verstärken konnten, interpretierte er das zweiteilige Konzert in unglaublicher Differenzierung.

Im ersten Teil komprimierte er die dramatische Musik zu einer Essenz klanglicher Schönheit, während er im zweiten Teil ein virtuoses Flötenspiel pflegte, das weniger von Quantz als durch lan Andersen von Jethro Tull geprägt war. Mit elektronisch zu Endlosschleifen verlängerten Melodiepartikeln baute sich Ziegler ein Fundament, das Motor, Maß und Ziel der Improvisation war. Und was macht ein Dirigent, wenn er das Tempo nicht mehr beeinflussen kann? Helmrath führte das Orchester gelassen durch die automatisierten Klänge und vereinte Maschine, Solist und Streicher perfekt.

Mit den deutschen Erstaufführungen von „Gülistan Bayaty Shiraz“ des Aserbaidschaners Fikret Amirov und der dritten Sinfonie des Armeniers Awet Terterjan endete dieser Abend, der einmal mehr beweist, daß aus dem Osten nicht nur das Licht, sondern auch spannende neue Musik kommt.

 

Axel Nixdorf
Mitteldeutsche Zeitung
21. 07. 1999


Musik Mittelasiens

Das Konzert der Dresdner Sinfoniker am Wochenende im Kulturpalast war schlechthin großartig. Es gab ein einziges kritikwürdiges Element, nämlich das Dresdner Publikum, das sich einem Konzert, das man so vielleicht alle zehn Jahre einmal erleben kann, weitgehend verweigert hat. Aber besser ein nur halbgefüllter Saal, der mit den richtigen Besuchern besetzt ist. Vier Werke von Komponisten, die einst in der Sowjetunion gelebt haben, erklangen: Gija Kantscheli (Georgien), Benjamin Yusupow (Tadshikistan), Fikret Amirow (Aserbaidshan) und Awet Terterjan (Armenien). Kantschelis „.. á la Duduki“ faszinierte durch seine suggestiv quälende Traurigkeit. Als geradezu unglaublicher Flötist erwies sich Matthias Ziegler in Yusupows „Nola“. Großer dramatischer Gestus und rhythmische Vielfalt waren in einem sinfonischen Werk Mugam Amirows mit rhapsodischer Freiheit und strenger Gebundenheit gekoppelt. Das Werk erlebte seine deutsche Erstaufführung ebenso wie Terterjans 3. Sinfonie, die voller Eruption und in den leisen Teilen von fast unerträglicher Spannung war. Zwei Spieler armenischer Volksinstrumente waren extra verpflichtet worden, um die Sinfonie so authentisch wie möglich aufzuführen.

Daß Michael Helmrath zwar mit raumgreifenden, aber dennoch sparsamen Bewegungen dirigierte, ist ein Hinweis auf überaus genaue Probenarbeit, deren Ergebnis natürlich auch zu hören war. Das vorwiegend junge Publikum ging hervorragend mit und war rundum begeistert. Ich war’s auch.

pz
Sächsische Zeitung
21. 07. 1999


Bald auch auf Rezept?

Sie überschreiten mühelos nationale Grenzen und ästhetische Barrieren; sie graben gerne fernab jener Schubladen, in denen sich die Repertoiregrößen längst sonnen – die Dresdner Sinfoniker zeigen Mut zur Entdeckung oder laden zur sinfonischen Showtime ein.

In Verbindung mit der qualitativ höchst professionellen Darstellung der Werke haben sie damit im Publikum bereits einen Kultfaktor erreicht. Trotztdem reichte dieser nicht ganz, um den Kulturpalast am letzten Freilag auszulasten. Was sich in unserem Jahrhundert in den Republiken Tadschikistan, Georgien, Aserbaidschan und Armenien musikalisch entwickelt, ist hochinteressant – hierzulande nimmt man über die bekannteren Komponisten Sofia Gubaidulina oder Giya Kantcheli wenigstens einen Bruchteil dieser vielfältigen, fremdartigen Musik wahr.

Kantschelis „…à la Duduki“ ist ein formal wie klanglich überzeugendes Stück, in unterkühlter Schönheit – brutale Tuttiblöcke reißen sich melancholisch vorwärtstastende Melodienlinien (besonders die Trompetensoli waren ein Ohrenschmaus] messerscharf in Trümmer, deren winzige Fragmente dünn wie ein begonnener Satz im Raum stehenbleiben. Solch differenzierter Ausdruck war allen Werken des Abends gemeinsam, ebenso die Einbeziehung folkloristischer Elemente. Diese traton in dem Flötenkonzert „Nola“ von Benjamin Yusupov sehr offen zu Tage: hier mißlang die Verbindung avantgardistischer Instrumentalbehandlung mit drallem Volkstanz, da der entstandene Stilmix verstörend wirkte und man sich so nur an den hübschen Klängen der verschiedenen, z. T. verstärkten Flöten erfreuen konnte – dem Solisten Matthias Ziegler gebührt hier uneingeschränktes Lob für die Atem-, Hand- und Fußtortur.

Fikret Amirows „Gülistan Bayaty Shiraz“ zeigte ebenfalls die sinnliche Behandlung von Einzeltönen und Melodien, die sich wie warmes Wasser im Raum verbreiteten. Die Entdeckung des Abends war jedoch der Komponist Avet Terterjan. Die Klangsprache seiner 3. Sinfonie, neben Amirow ebenfalls eine deutsche Erstaufführung, wirft dem Zuhörer eiserne Ketten über und erzeugt durch unerwartete formale Konzeptionen und beharrliches Aufhalten an den Grenzpolen der Musik zwischen subtiler Stille und horrender Gewalt in Ausdruck und Phonstärke eine unglaubliche Kraft, in der das noch bei Kantscheli zu findende Pathos zu einer orchestralen Verwüstung mutiert. Die Einbindung armenischer Instrumente in den Orchestersatz gelang Terterian auf natürliche und packende Weise, so daß man fasziniert den Verästelungen der Musik folgte. Eine peinliche Lichtpanne am Schluß des Stücks bewies eindrucksvoll, daá Terterjans Musik mühelos auf solche Zusätze verzichten kann.

Die Sinfoniker zeigten unter Michael Helmraths vorwiegend sachlichem Dirigat in allen Komnpositionen äußerste Spannung undl technische Souveränität; man sollte sich angesichts der die Ohren durchspülenden Klangmassen überlegen, ob Sinfonikerkonzerte in Zukunft nicht auch vom HNO-Arzt verordnet werden könnten.

Alexander Keuk
Dresdner Neueste Nachrichten
19. 07. 1999